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Jägers forgeries – Am Pranger stehen die Falschen

Am Pranger stehen die Falschen
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Es gibt noch mehr Fälschungen aus der angeblichen Sammlung Jägers als vermutet. Und die Rolle der Gutachter stellt sich anders dar, als manche Kritiker meinen.

Von Rose-Maria Gropp

Fälschung aus der Sammlung Jägers: “Liegender Akt mit Katze” von Hermann Max Pechstein in der Ausstellung “Die Jahre der Brücke 1905-1913”

15. Dezember 2010
Der Kunstmarkt, dem doch sonst nichts Menschliches fremd ist, wie gerade eben die Auseinandersetzungen um 271 angebliche und bisher unbekannte Arbeiten von Picasso beweisen, die ein Elektriker vom Künstler selbst geschenkt bekommen haben will (siehe auch: Die Schätze des Monsieur Le Guennec ), ist in seinen Grundfesten dann wirklich erschütterbar, wenn er mit Fälschungen konfrontiert wird. Das beweist der Skandal um die sogenannte Sammlung Jägers, der Anfang September aufkam, als sich ein großes Bild, das im November 2006 als von Heinrich Campendonk gemalt beim Auktionshaus Lempertz in Köln zum Rekordpreis von 2,4 Millionen Euro zugeschlagen wurde, im Nachhinein als dreistes Falsifikat erwies. Dieser Nachweis gelang durch chemische Analysen und die Aufdeckung historischer Ungereimtheiten bei den rückseitigen Klebezetteln (siehe auch: Das Titanweiß verrät den Fälscher ).

Mehr als vierzig weitere Bilder vor allem von Künstlern des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts, die sukzessive über Jahre mit zäher krimineller Energie in den internationalen Markt eingespeist wurden, gerieten in der Folge in den Sog dieses Skandals. Im Fall Jägers ermitteln seit Monaten das Berliner Landeskriminalamt und die  Staatsanwaltschaft in Köln. In Kölner Untersuchungshaft sitzen ebenso lange (die Namen sind inzwischen längst öffentlich bekannt) Wolfgang Beltracchi, der mutmaßliche Fälscher, und seine Frau Helene; deren mitverdächtige Schwester wurde inzwischen gegen Kaution aus dem Gefängnis entlassen.

Experten und Auktionshäuser im Kreuzfeuer

Das “Portrait Alfred Flechtheim” von Louis Marcoussis zeigt genau den Künsthändler, aus dessen Betand die angebliche Jägers-Sammlung stammen soll

Ins Kreuzfeuer der allfälligen Kritik an den Usancen des Marktes kamen zwangsläufig auch jene Experten, die mit ihren Gutachten die Echtheit von Werken aus der vorgeblichen Sammlung Jägers – an deren Existenz übrigens offenbar die am Verkauf beteiligten Auktionshäuser Lempertz, Christie’s und Sotheby’s so wenig zweifelten wie mehrere gleichfalls involvierte Galerien in Frankreich und sonstwo – bescheinigten. Zu ihnen zählt auch Werner Spies, den Lesern dieser Zeitung seit Jahrzehnten als Kunstkritiker bekannt. Er hat Expertisen zu einigen Gemälden mit Jägers-Provenienz abgegeben, die er stilkritisch als Arbeiten von der Hand Max Ernsts einstufte.

Das hohe Renommee, das Spies, der von 1997 bis 2000 Direktor des Centre Pompidou in Paris war, weltweit als Kunsthistoriker genießt, machte ihn in dieser Causa schnell zur willkommenen Zielscheibe mancher, die durchaus ein Interesse daran haben mögen, von ihrer eigenen Verantwortlichkeit in der unguten Affäre notdürftig abzulenken durch den Hinweis auf sein – zunächst doch mutmaßliches – Fehlurteil: Wenn selbst ein Mann wie Spies irrt …, so der Tenor. Das nahm mitunter Züge vom notorischen Glashaus an, aus dem indes besser keiner mit Steinen wirft. Dabei war doch anstandshalber erst einmal abzuwarten, was die Analysen der Institute ergeben würden, die vom Berliner Landeskriminalamt damit beauftragt worden sind, die verdächtigen Gemälde wissenschaftlich zu untersuchen.

Erste Untersuchungsergebnisse

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Nach Informationen dieser Zeitung liegen jetzt erste Ergebnisse vor: Tatsächlich besagen sie, dass von den etwa sechs Bildern, die Werner Spies im Laufe von vier, fünf Jahren aus angeblichen Jägers-Beständen als Werke von Max Ernst vorgelegt wurden, die beiden, die analysiert wurden, Fälschungen sind. Spies, mit dieser Gewissheit konfrontiert, äußerte sich gegenüber dieser Zeitung dazu: In vierzigjähriger Arbeit habe er das verstreute OEuvre seines Freundes Max Ernst in einem Werkverzeichnis zusammengetragen, das inzwischen acht Bände umfasst.

In dieser Zeit habe er allein an die vierhundert ihm angetragene Arbeiten als falsch zurückgewiesen, über die er auch ein Verzeichnis führe. Der Umstand, so sagt Spies, dass aus dem Umkreis des jüdisch-deutschen Händlers Alfred Flechtheim immer wieder Werke von Max Ernst auftauchen könnten, die unter dem Regime der Nationalsozialisten verschwunden, weil gestohlen waren, sei ihm keineswegs fremd. Und mit genau dieser Flechtheim-Provenienz waren die Spies gezeigten Bilder versehen.

Werner Spies, nach bestem Wissen und Gewissen

Richtigkeit und Stichhaltigkeit dieser Herkunft setzte er voraus; deren Überprüfung sah er nicht als seine Aufgabe an. Er vertraute der Quelle „Jägers“, weil es ihm durchaus plausibel erschien, dass jemand – wie es ja als Erklärung dafür hieß, dass kein Mensch von dieser Sammlung wusste – Kunstwerke vor den Nationalsozialisten in der Eifel versteckt haben könnte. Hinzu kam, dass Spies einem gewissen Otto Schulte-Kellinghaus trauen zu können glaubte, der ihm die Gemälde zuführte – bis auf ein Werk, das er im südfranzösischen Anwesen der Beltracchis selbst in Augenschein nahm, ohne dort Grund für Verdächtigungen zu finden. Dann sagte Spies noch: „Und diese Freude, etwas Verlorenes von Max Ernst entdecken zu können …“

Campendonks „Rotes Bild mit Pferden” gehört ebenfalls zu den Fälschungen

Nun, auch Werner Spies hat sich, allem Anschein nach, täuschen lassen. Und er verbirgt sein Leiden daran nicht. Das wird aber kaum die eminenten Verdienste von Spies um die künstlerische Moderne schmälern können: Es ist ja stets den Großen ihres Fachs, wenn sie denn einmal fehlen, die Häme gewiss. Gehören aber nicht eher die an den Pranger gestellt, die sich mit ihren angelernten Kenntnissen zu einer miesen Bande gerottet haben, um damit erwerbsmäßigen Betrug zu betreiben? Und deren Machenschaften betreffen wahrlich nicht nur Werner Spies, sondern auch andere seiner Kollegen wie etwa die Campendonk-Expertin Andrea Firmenich, die ungut ins Gerede geriet, und manche mehr, deren Namen nicht im Fokus der Öffentlichkeit stehen.

Keine Zahlung außer dem üblichen Honorar

Endlich gibt es nach Informationen dieser Zeitung dafür, dass Werner Spies außer dem üblichen Honorar für seine Gutachten – über das er sich der „Süddeutschen Zeitung“ gegenüber schon vor einigen Wochen offen geäußert hat – noch Provisionen erhalten haben sollte, nach dem Stand der Ermittlungen keinerlei Hinweise. Unfeinen Unterstellungen ist also der Boden entzogen. Wie zudem der „Spiegel“ in seiner jüngsten Ausgabe berichtet, muss inzwischen sogar von insgesamt 59 Fälschungen ausgegangen werden, zu Heinrich Campendonk, Max Pechstein, André Derain oder Fernand Léger kommen Tamara de Lempicka und Ernst Wilhelm Nay hinzu, auch weniger prominente Namen wie der des Expressionisten Johannes Molzahn. Außerdem berichtet der „Spiegel“ weiter, dass auch Otto Schulte-Kellinghaus inzwischen in Untersuchungshaft sitzt, weil er diverse der gefälschten Gemälde für den betrügerischen Clan in Umlauf gebracht haben soll.

Mit der Hauptverhandlung im Fall Jägers ist wohl erst im kommenden Frühjahr zu rechnen. Dass sich bis dahin die weiteren juristischen Nachforschungen neben der Aufklärung des Betrugs auch auf Fragen der Fahrlässigkeit bei den Vermittlern der Fälschungen konzentrieren werden, etwa auf die Sorgfaltspflicht in Fragen der Herkunft (siehe auch: Was ist denn leichte Fahrlässigkeit? und Die Heilige Kuh Provenienz: Fälschungsskandal um „Sammlung Jägers“), steht zu erwarten. Der Auktions- und Kunstmarkt wird, so stellt es sich jetzt dar, nicht mit dem Hinweis auf die stilkritischen Gutachter seine Hände in Unschuld waschen können, wollen und dürfen. Dieser Markt wird sich an ein paar neue Regeln gewöhnen müssen, wenn das LKA Berlin und die Kölner Staatsanwaltschaft mit ihrer Arbeit erst fertig sein werden. Und das wird für jeden seiner Teilnehmer, so ist zu hoffen, nur gut sein. Denn kein Kavaliersdelikt aus einer schicken Parallelwelt wird hier verfolgt, sondern ein ordinärer Fehler in einem von Gier und Konkurrenz überhitzten System.

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