Museum Security Network

Im Frühjahr 2008 wurde der gesamte bildnerische Nachlass von Peter Weiss aus einem Depot in Stockholm gestohlen

Wo kann er sein? Ein Gespräch mit Gunilla Palmstierna-Weiss, der Witwe des Schriftstellers.

Von Manfred Papst

Ein milder, sonniger Nachmittag im obersten Geschoss eines Bürgerhauses im Stockholmer Stadtteil Södermalm. Hohe Räume, Stuckdecken, Stilmöbel. Bücher und Bilder, wohin man blickt. Hier wohnt Gunilla Palmstierna-Weiss, die Witwe des deutschen Schriftstellers Peter Weiss (1916–1982), der mit dem Drama «Marat/Sade» Weltruhm erlangte und mit der «Ästhetik des Widerstands» einen Roman schuf, der zu den grossen erratischen Blöcken der Literaturgeschichte zählt.

Man sieht der so aparten wie lebhaften Dame weder ihr Alter noch ihre Krebskrankheit an. Am 28. März ist sie achtzig geworden, und gerade hat man sie mit nur mehr einer halben Lunge aus dem Spital entlassen. Doch sie ist so witzig, wach und schnell wie eh und je. In bildhaftem, kräftigem Deutsch und bei einem Krug köstlicher, selbstgemachter Limonade erzählt sie, was alles die vergangenen Monate ihr an Ungemach beschert haben. Bisweilen muss sie dabei sogar lachen.
 
Irgendwann in diesem Frühjahr wurde ein von ihr gemieteter Lagerraum unweit der Königlichen Musikhochschule in Stockholm aufgebrochen und ausgeräumt. Er hatte den gesamten bildnerischen Nachlass von Peter Weiss enthalten: rund 500 Werke – Ölbilder, Zeichnungen, Druckgrafik, Collagen, ein faszinierendes Frühwerk zwischen magischem Realismus und Surrealismus –, aber auch ihre eigene Kollektion schwedischer Kunst, ihre Glassammlung sowie zahlreiche der Design-Arbeiten, Bühnenskizzen und Kostümentwürfe, die sie als langjährige Bühnenbildnerin Ingmar Bergmans und anderer namhafter Regisseure geschaffen hat.

Vor verschlossener Tür

«Der genaue Zeitpunkt der Tat lässt sich nicht mehr ermitteln», erzählt sie, «denn natürlich komme ich nur sporadisch in dieses Depot. Etwa zwei Monate war ich nicht mehr dort gewesen, als ich das Unheil bemerkte.» Bei dem Raum handelt es sich um einen Luftschutzkeller in einem Wohnhaus; das Moderna Museet in Stockholm, das ebenfalls Bilder von Peter Weiss besitzt, hatte ihn vermittelt, die Versicherung hatte ihn geprüft und gutgeheissen. «Nun aber stand ich plötzlich vor verschlossener Tür. Die schweren Riegel waren weggestemmt worden, das Schloss ausgewechselt. Ein Albtraum! Ich dachte, ich sei verrückt. Als endlich Hilfe kam, sah ich das Ausmass der Katastrophe: Alle Sachen von Peter waren weg, von meinen fehlte etwa die Hälfte, die andere Hälfte lag in tausend Stücken am Boden.»

Die Diebe hatten offenbar alle Zeit der Welt gehabt. Das Depot ist das einzige in dem Keller, und die Hausbewohner waren es gewohnt, dass im Zusammenhang mit Ausstellungen immer wieder einmal Sachen abtransportiert oder zurückgebracht wurden. Deshalb schöpften sie keinen Verdacht. Wer aber waren die Täter, und was führten sie im Schilde?

«Erst dachte ich, es ginge um eine dieser Lösegeld-Geschichten, bei denen die Versicherung zur Bezahlung einer Geldsumme genötigt wird und die Bilder dann wieder zurückgegeben werden», sagt Gunilla PalmstiernaWeiss. «Aber es meldete sich niemand. Dann fiel mir ein, dass vor kurzem einige von Peters Bildern – nicht aus meinen Beständen – über ein renommiertes Auktionshaus verkauft worden waren. Das mochten die Diebe mitbekommen haben. Aber auch diese Erklärung leuchtete mir nicht ganz ein. Peters Sachen sind zwar im Preis gestiegen, aber sie sind nicht besonders teuer, denn sie richten sich an ganz spezielle Sammler. Zudem waren viele Bilder und Zeichnungen im Fundus nicht signiert. Die Collagen zum Beispiel. Diese Blätter kann nur ich autorisieren. Aber die Diebe haben sich wohl so sicher gefühlt, dass sie nach und nach alles mitnahmen.» Glücklicherweise hat sie von sämtlichen Werken ihres Mannes ein genaues Inventar angelegt. Es listet jedes Blatt auf, selbst seine Kinderzeichnungen. Für ihre eigenen Arbeiten gibt es keine solche Liste.

Nun nahm die Polizei ihre Ermittlungen auf. Im langen, mit allerlei Lagergut zugestellten Gang vor dem Depot fand sie Zigarettenkippen und Blutspuren, die zu DNA-Analysen dienen konnten, darüber hinaus sogar einige zurückgelassene Bilder. Weiter kam sie zunächst nicht. Dann aber trat Inspektor Zufall auf den Plan.

Besuch beim Hehler

«Meine Ex-Schwiegertochter war in einem Trödelladen», erzählt Gunilla Palmstierna-Weiss, «und sah dort einige meiner plastischen Arbeiten und Gläser sowie eine kleine Lenin-Statue, die sie selbst mir einmal geschenkt hatte. Sie verständigte mich, ich fuhr mit meinem Sohn hin, inspizierte den Laden unauffällig und rief die Polizei.»

Die kam mit acht Mann und stellte das Diebesgut sicher. Der Verkäufer hinter der Theke war für sie kein Unbekannter. Schon seit sechs Jahren versuchte sie, ihn dingfest zu machen; nicht als Dieb, aber als Hehler. Es wurde eine Hausdurchsuchung angeordnet, und Gunilla Palmstierna-Weiss musste mitgehen, um allfälliges Diebesgut zu identifizieren. «Fünf Stunden haben wir in der Wohnung des Hehlers zugebracht», erzählt sie. «Ich habe noch nie so etwas Ekelhaftes und Schmutziges gesehen. Unter dem Bett des Mannes lagen drei Ölbilder von Peter. Und unter seinen dreckigen Unterhosen zwei seiner Zeichnungen. Im Weiteren wurden in der Wohnung noch einige meiner Plastiken und fünf Werke von schwedischen Künstlern aus meiner Sammlung gefunden. Insgesamt gab es in der Wohnung etwa 500 Bilder verschiedenster Provenienz. Dazu Berge von Auktionskatalogen.»

Der Hehler wurde verhaftet und verhört. Er verriet einen Komplizen, der dann ebenfalls ins Gefängnis kam, aber bis heute konnten keine weiteren Werke von Peter Weiss mehr sichergestellt werden. Inzwischen sind die beiden Männer wieder auf freiem Fuss. Hehler sitzen nie sehr lange. Die Polizei verfolgt nun Spuren, die nach Polen und Russland führen. Doch dort gestalten sich die Ermittlungen schwierig, zumal die russische Polizei nicht mit Interpol zusammenarbeitet.

Unter dem Diebesgut befinden sich Hauptwerke von Peter Weiss wie das 1935 entstandene Ölbild «Die Maschinen greifen den Menschen an» und das wunderbare, an Max Ernst gemahnende Nachtstück «Die Dampfwalze und der Drache» (1940), in dem sich die Schwere des eisernen Gefährts mit der Leichtigkeit des schwebenden Papiers aufs Schönste verbindet, aber auch zwanzig kleine Zeichnungen, die Gunilla Palmstierna-Weiss dem Hesse-Museum in Montagnola schenken wollte. Peter Weiss pilgerte als junger Mann zusammen mit Robert Jungk und Hermann Levin Goldschmidt zu Hesse ins Tessin. Bei einem späteren Besuch (1938/39) blieb er dort sogar für mehrere Monate, zeichnete und fertigte eine später berühmt gewordene illustrierte Handschrift von Hesses Märchen «Kindheit des Zauberers» an.

«Einige von Peters frühen Blättern sind signiert, andere nicht, und alle erfasst man nur in ihrer Bedeutung, wenn man ihren Urheber und die Umstände ihrer Entstehung kennt», sagt seine Witwe. «Wenn diese unscheinbaren Bilder in einem Trödelladen verhökert werden, bringen sie vielleicht 20 Euro pro Stück und sind für immer verloren.» Andere gestohlene Bilder von Peter Weiss – etwa die äusserst drastische Darstellung einer Obduktion (1944) – sind kaum verkäuflich, weil sich niemand so ein Bild ins Esszimmer hängen würde.

Keine Berufswitwe

Gunilla Palmstierna-Weiss ärgert sich aus verschiedenen Gründen über den dreisten Diebstahl. Der materielle Verlust ist nur das eine. Schlimmer ist der Verlust an Erinnerungen, an unersetzlicher persönlicher Geschichte. Und am schlimmsten ist, dass der Kasus mit all seinen bürokratischen Implikationen sie nun während Monaten in Beschlag genommen hat. Dabei hätte sie so viel anderes zu tun; gerade angesichts der Kürze des Lebens. Denn sie ist alles andere als eine «Berufswitwe».

Zwar hat sie sich auch nach dem Tod von Peter Weiss um sein Werk gekümmert. Sie hat dazu beigetragen, dass etliche Schriften aus seinem Nachlass ediert werden konnten, so das «Kopenhagener Journal» und jüngst das Pariser Manuskript «Füreinander sind wir Chiffren», ein symbolisch verdichtetes, stark psychoanalytisch ausgerichtetes Schlüsselwerk. Aber sie hat nie Texte willkürlich behandelt oder gar zensuriert, auch wenn diese für sie schmerzhafte Passagen enthielten: «Das Leben ist nun einmal nicht angenehm! Es gibt keine idealen Menschen.» Sie hat die Editionen nicht selbst betreut, sondern sie in die Hände von Literaturwissenschaftern gelegt. Sachliche Auseinandersetzungen mit Herausgebern und Verlegern hat sie dagegen nie gescheut. Bei Suhrkamp weiss man ein Lied davon zu singen.

Was Gunilla Palmstierna-Weiss von anderen Witwen berühmter Autoren unterscheidet, ist zum einen, dass sie ihren Mann zwar geliebt, aber nie vergöttert hat, zum andern, dass sie während der ganzen drei Jahrzehnte ihrer Beziehung zu Peter Weiss eine eigenständige Künstlerin war. «In Deutschland werde ich manchmal gefragt, wie es war, ein Leben im Schatten von Peter Weiss zu verbringen. In Schweden war es aber genau umgekehrt. Ich hatte dort als Designerin und Bühnenbildnerin bereits einen Namen, als er noch ein unbekannter Emigrant war, und viele Jahre habe ich für das Auskommen unserer Familie gesorgt.»

Arbeit an den Memoiren

Gunilla Palmstierna-Weiss trägt einen Namen, der auf alten Adel verweist, doch ihr Grossvater war Aussenminister der ersten sozialdemokratischen Regierung Schwedens und ihre Grossmutter eine bekannte Frauenrechtlerin. Mütterlicherseits entstammt sie einer jüdischen Buchdrucker-Familie, die im 19. Jahrhundert nach Schweden einwanderte. Sie selbst wurde in Lausanne geboren, später wohnte sie in Paris, in Wien (wo ihre Mutter bei Freud studierte) und in den Niederlanden. Den Zweiten Weltkrieg erlebte sie mit ihrer Mutter – die Eltern waren beide Ärzte und hatten sich früh scheiden lassen – in Rotterdam und Berlin. Erst nach dem Studium in Amsterdam und Paris kam sie nach Stockholm.

Gegenwärtig schreibt Gunilla Palmstierna-Weiss an ihren Erinnerungen. Da sie über ein ausserordentliches Gedächtnis verfügt, bringt sie eine erste Fassung ohne alle Hilfsmittel zu Papier. Erst später will sie die Daten und Fakten anhand ihrer Tagebücher und anderer historischer Quellen überprüfen. Wenn man ihr zuhört, wie sie zugleich anekdotenreich und analytisch, heiter und nachdenklich von Peter Weiss und Ingmar Bergman, von Siegfried Unseld, von Koeppen, Frisch, Johnson, Enzensberger und vielen anderen erzählt, darf man auf dieses Buch überaus gespannt sein.

Ihren Lebensgefährten zum Beispiel schildert sie als Hypochonder und Schwerenöter, als zugleich emanzipierten und unpraktischen Mann: als einen, der ihr zwar alle kreative Freiheit liess und keine jalousie d’artiste kannte, der aber nie herausfand, wie man die Trommel einer Waschmaschine öffnet. Sie schildert ihn als einen Mann von ungewöhnlichem Humor (der in seinen Büchern gar nicht vorkommt) und als ungeschickten Verhandlungspartner (weshalb sie im Geschäftsverkehr mit Verlagen oft den Part der «Hexe» übernehmen musste). Sie sieht ihn mit dem Blick von jemandem, der alles versteht und letztlich verzeiht, deshalb aber nicht die Augen vor den Tatsachen verschliesst.

Gunilla Palmstierna-Weiss ist eine Frau, die nicht aufgibt. Auch in Bezug auf die gestohlenen Bilder ist für sie das letzte Wort noch nicht gesprochen. Sie kennt da einen begabten Fahnder, der seinen Job bei der Polizei verloren hat, aber heimlich doch immer wieder zu Rate gezogen wird. Er ist der Beste. Und er wird ihr helfen.
Unterm Bett des Mannes lagen drei Ölbilder von Peter Weiss. Und unter seinen dreckigen Unterhosen zwei Zeichnungen.
Ein ungewöhnliches Paar

Peter Weiss und Gunilla Palmstierna begegneten einander erstmals 1949 in Schweden. Von 1952 bis zum Tod von Peter Weiss im Jahr 1982 waren sie ein Paar, seit 1964 waren sie verheiratet. Sie hatten beide Kinder aus früheren Beziehungen; 1972 kam die gemeinsame Tochter Nadja zur Welt. Das Paar arbeitete oft künstlerisch zusammen: Zu etlichen Inszenierungen der Stücke von Peter Weiss hat seine Frau das Bühnenbild und die Kostüme entworfen. Auch Reportagen und Reiseberichte sind als Gemeinschaftsarbeiten entstanden. Nach dem Tod ihres Mannes hat Gunilla Palmstierna-Weiss an etlichen Publikationen von und über Peter Weiss mitgewirkt, so an der sechsbändigen Werkausgabe und einem Katalog zu Leben und Werk (beide Suhrkamp, 1991), am «Kopenhagener Journal» (Wallstein, 2006) und am Pariser Manuskript «Füreinander sind wir Chiffren» (Rotbuch, 2008). 1997 zeigte das Museum Bochum eine Ausstellung über das bühnenbildnerische Schaffen von Gunilla Palmstierna-Weiss. (Katalog: ISBN 3-8093-0196-5). (pap.)
http://www.nzz.ch/

http://www.museum-security.org
http://www.museumbeveiliging.com
http://www.handboekveiligheidszorgmusea.nl
http://groups.google.com/group/museum-security-network
http://groups.google.com/group/library-security-and-safety

Leave a Reply

Your email address will not be published.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.