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Beruf Kunstdetektivin. Auf der Jagd nach heißen Bildern. Sie ist die Deutschland-Chefin des internationalen "Art Loss Register", fahndet von Köln aus nach gestohlenen Kunstwerken und kennt fast alle Tricks und Kniffe der Räuber: Ulli Seegers, 37, ist eine der erfolgreichsten Spürnasen der Republik.

 

Den Kragen des Trenchcoats hochgeschlagen, die Hände in den Manteltaschen vergraben, den Hut tief ins Gesicht gezogen – so steht sie rauchend an zugigen Häuserecken, durchforstet sie dunkle Spelunken. Und so stellt sich Otto Normalverbraucher die Arbeit einer Detektivin vor. Ein Feger wie Emma Peel mit dem Köpfchen von Miss Marple.

Ulli Seegers lacht. Sie ist Detektivin. Und zwar eine, die aus ihrer Leidenschaft zur Kunst und Kunstgeschichte einen Beruf gemacht hat. Ulli Seegers ist Kunstdetektivin. Seit 1999 ist die 37-Jährige Chefin des deutschen “Art Loss Register (ALR)” in Köln. Im weltweit operierenden ALR wird die international größte private EDV-Datenbank betreut, in der annähernd 200.000 vermisste, verschollene oder gestohlene Kunstwerke, Antiquitäten oder Sammlerstücke verzeichnet sind. Hunderte Meisterwerke finden sich im Datenpool der Kunstdetektivin: Werke von van Gogh, Spitzweg, Renoir, Chagall oder Miro – noch nie verschwanden so viele Millionen-Werte aus Museen und Privatsammlungen wie heute. Allein 657 Picassos gelten als vermisst. Erst im vergangenen Jahr waren wieder bedeutende Picasso-Gemälde geraubt worden.

Die Enkelin von Picasso wird bestohlen

Ulli Seegers wählt sich in ihre Datenbank ein: “Unglaublich, ausgerechnet aus der Wohnung der Picasso-Enkelin Diana Widmaier-Picasso wurden die Werke entwendet.” Die beiden geraubten Bilder hatten einen geschätzten Wert von mehr als 50 Millionen Euro. Gott sei Dank konnten die Bilder aber mittlerweile wieder sichergestellt, die Täter dingfest gemacht werden. “Wir kennen uns in diesem hoch spezialisierten Segment bestens aus und arbeiten der Polizei selbstverständlich zu”, sagt Ulli Seegers.

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Kunstraub: Jeder dritte Kunstsammler ist unversichertKunstraub: Munchs “Schrei” wieder aufgetauchtIn enger Zusammenarbeit mit ihren Kollegen in aller Welt ist die promovierte Kunsthistorikerin täglich auf der Suche nach Kostbarkeiten, die oftmals auf spektakuläre Weise entwendet worden sind. Zum Beispiel in Wien. Nur mit einem Pflasterstein bepackt, verschaffte sich am 11. Mai 2003 ein Räuber nachts Zutritt über ein Baugerüst ins dortige Kunsthistorische Museum und stahl aus einer Vitrine eine der wertvollsten Renaissance-Skulpturen: Cellinis “Saliera” – ein 30 Zentimeter hoher Salzstreuer aus purem Gold. Schätzwert: 50 Millionen Euro. Dauer der Aktion: keine 60 Sekunden. Aber auch hier konnte der Fall relativ zügig aufgeklärt werden. Im Januar 2006 konnte der Täter festgenommen werden, da dieser sich auf Grund eines eindeutigen Fahndungsfotos selbst gestellt hatte.

Kunstwerke dienen zur Geldwäsche

Ulli Seegers unterteilt “ihre” Diebe in zwei Kategorien: Die erste Gruppe ist klein, aber fein. Wie der Elsässer Stéphane Breitwieser, der jahrelang Bilder aus europäischen Museen davongetragen und diese in seiner Wohnung aufgehängt hat, um sich an der Schönheit der Werke zu ergötzen. Die andere Gruppe ist kaum mehr überschaubar: Kriminelle, die in kürzester Zeit Geld machen wollen. “Denen ist egal, was sie rauben, Kunst oder Luxuskarossen, die nehmen alles, von dem sie glauben, es zu Geld machen zu können”, sagt Ulli Seegers. Nach neun Jahren im Geschäft kennt die gewiefte Kunstdetektivin mittlerweile die Vertriebswege und weiß ziemlich genau, wo und wie die Hehlerware abgesetzt wird. Dann kommt es nur noch auf den richtigen Zeitpunkt an, um zuzuschlagen. Längst gehört der Kunstdiebstahl auch zum Business der Organisierten Kriminalität. “Da gibt es häufig Schnittstellen”, weiß Seegers, “Kunstwerke dienen dem organisierten Verbrechen als Instrument zur Geldwäsche oder als Zahlungsmittel.”

Das “Art Loss Register” ist ein privatwirtschaftlich geführtes Unternehmen mit Sitzen in London, New York, Amsterdam, Neu Delhi und Moskau und wurde von den Auktionshäusern Sotheby’s und Christies mitgegründet. Eine Mitgliedschaft im ALR kostet im Schnitt um die 4000 Euro im Jahr – kommt ganz auf die Kunden und Mitglieder an. Partner sind neben Kunstversicherungen, Galerien- und Kunsthändler-Verbänden etwa 15 renommierte Auktionshäuser. Eine Investition für die Mitglieder, die sich auf alle Fälle lohnt. Denn bislang haben die Mitarbeiter der Büros Kunstwerke im Gesamtwert von mehr als 112 Millionen Euro aufgespürt. Für Hinterbliebene der ursprünglichen Besitzer von Nazi-Beutekunst forscht das ALR umsonst.

1000 gestohlene Kunstwerke pro Monat

An Aufträgen und Arbeit mangelt es nicht. Zu einem berühmten Fall wurde etwa das geraubte Bild “Wasserlilien” von Claude Monet. Als 1998 Elaine Rosenberg den Verlust des Bildes meldete – es wurde in den 40er Jahren von den Nazis beschlagnahmt -, verfolgte das Kölner Büro die Spur des Werkes und wurde schließlich in einem Museum in der Normandie fündig. Es gelang den Kölnern, das Museum zu überzeugen, das Bild der rechtmäßigen Eigentümerin zurückzugeben.

Pro Monat werden etwa 1000 gestohlene Kunstobjekte per Mail oder Fax registriert, bis zu 30 Diebstähle sind das täglich. Allein in Deutschland gehen Tag für Tag bis zu sieben Werke verloren. Da ist alles dabei, von antiken Taufkannen über einen Beuys bis hin zu “Oma Ilse ihr Silberbesteck” (Seegers): “Der Wert geraubter Ware ist kaum mehr zu taxieren”, sagt die Kunstdetektivin, “der geht in die zig Milliarden.”

Acht Zivilfahnder am Nebentisch

Die 1970 in Münster geborene Seegers hat ihre große Liebe zur Kunst schon als junges Mädchen entdeckt. Nach dem Studium in München kam sie über ein Galerie-Praktikum beim “Bundesverband deutscher Galerien” zum “Art Loss Register”. Doch geplant hat sie ihre Karriere als Kunstdetektivin nicht. “Als sich mir 1999 die Möglichkeit bot, ins Art Loss Register einzusteigen, war ich neugierig”, sagt sie, “mich hat der Gedanke fasziniert, den Kunstmarkt einmal von einer anderen Seite kennen zu lernen, eben einen Blick hinter die Kulissen zu werfen.”

Das ist ihr schon einige Male gelungen. Vor zwei Jahren hat Ulli Seegers maßgeblich zur Aufklärung gestohlener Sigmar-Polke-Werke beigetragen. Nach ergiebiger Recherche hatte sie den Anbieter der gestohlenen Bilder ausfindig machen können. Sie gab sich als passionierte Polke-Sammlerin aus und traf sich mit dem Kriminellen in einem Café. Dumm gelaufen – für ihn. Am Nachbartisch saßen nämlich bereits acht Zivilfahnder beim Kaffee, die ihm kurze Zeit später die Handschellen anlegten.

Selbst die Polizei braucht eine Kunstdetektivin

Als Kunstdetektivin braucht man aber vor allen Dingen viel Geduld. Ihr Beruf fordert hauptsächlich Fleißarbeit am Schreibtisch. Auf dem stapeln sich unbearbeitete Ablagen, Fachzeitschriften und Kunstbände. Rundherum feuergesicherte Hängeordner mit tausenden geheimer Akten. Kataloge werden studiert, Akten gewälzt, Berge von Daten gesichtet und abgeglichen. Auf Auktionen spürt sie den verschollenen Werken hinterher, wenn Kunst verkauft oder ausgestellt wird, fahndet sie mit scharfem Kennerblick der Ware hinterher. Auftraggeber sind nicht nur große Versicherungsgesellschaften, sondern auch Polizeidienststellen oder Privatsammler.

Das Kölner Büro, wo Ulli Seegers mit ihren drei Mitarbeiterinnen arbeitet, muss sich zudem immer mehr mit Verlusten aus Galerien und Museen beschäftigen. Im Juli 2004 raubte ein Dieb aus dem Kölner Wallraf-Richartz-Museum das aus dem Jahre 1629 stammende Bild “Winterlandschaft” des Niederländers Esaias van de Velde – kaum größer als eine Pralinenschachtel, geschätzter Wert 150.000 Euro. Die Kunstdetektivin war sich sicher, dass es sich bei dem Raub um eine Gelegenheitstat handeln musste und das Bild bald wieder auftauchen würde: “Schließlich handelte es sich dabei um eine kaum verkäufliche Rarität.” Ihr Verdacht bestätigte sich: Der Täter ließ über einen Anwalt das Bild der Polizei zukommen.

Solche Kunstdiebe mit schlechtem Gewissen hatten im Februar 2006 die Möglichkeit, in Köln anonym Reue zu zeigen und ihre viel zu heiß gewordene “Ware” wieder loszuwerden – in einer “Kunstklappe”. Diese von zwei Wiener Künstlern, Moussa Kone und Erwin Uhrmann, erdachte Einrichtung – in Anlehnung an die “Babyklappen” in Krankenhäusern – stand, knallgelb angestrichen, in einem Nebengebäude der Galerie “Kunstraum 21”. Nur schade, dass es sich bei der “Kunstklappe” lediglich um ein Kunstprojekt handelte, das Kone und Uhrmann bereits in Wien 2004 erfolgreich umgesetzt hatten.

URL: http://www.stern.de/

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