Museum Security Network

Verbrecher verspekulieren sich bei Kunstrauben

16 MILLIONEN DOLLAR PRO TAG
Verbrecher verspekulieren sich bei Kunstrauben

VON PETER DITTMAR15. Dezember 2009, 11:31 Uhr
Nur der Handel mit Drogen und Menschen scheint für Kriminelle lukrativer: Pro Jahr werden Kunstwerke im Wert von rund sechs Milliarden Dollar gestohlen, hauptsächlich in Italien und Frankreich. Nur wenige von ihnen gelangen zurück in die Öffentlichkeit. Doch bei vielen Werken verspekulieren sich die Diebe.

Kunst und Geld sind Geschwister. Zerstritten oft, aber nicht selten auch „einig gegen eine Welt von Feinden“. Im Guten wie im Schlechten. Denn „auch heute ist Kunstkriminalität mit einem jährlich verursachten Schaden von sechs bis acht Milliarden US-Dollar weltweit einer der größten Kriminalitätsbereiche nach Geldwäsche, Drogen- und Menschenhandel.“
Das war bei der Tagung des b.v.s, des „Bundesverbandes öffentlich bestellter und vereidigter sowie qualifizierter Sachverständiger e.V.“ unlängst zu hören. Und das wird auch allenthalben zitiert. Hinterfragt wird es kaum, obwohl es recht fragwürdig ist.
Selbst wenn man nur von der niedrigen Zahl, sechs Milliarden Dollar, ausgeht, hieße das, dass an jedem Tag im Jahr für 16,4 Millionen Dollar (rund elf Millionen Euro) Kunstwerke gestohlen werden. Das wären pro Jahr mehr als 8000 Kunstwerke, von denen jedes mindestens fünf Millionen Euro wert sein müsste.
Zu diesem Betrag würde der sensationelle Raub der vier Gemälde von Cézanne, Degas, Monet und Van Gogh im Februar 2008 aus der Sammlung Bührle in Zürich mit dem (hohen) Schätzwert von 180 Millionen Franken (112 Millionen Euro) gerade einmal einen Zehn-Tage-Satz beisteuern.
Doch ähnlich Aufsehen erregende Kunsträubereien gab es 2008 nicht. Denn die meisten Diebstähle, 43 Prozent, betreffen Privatpersonen. Da geht es um Kunst, die oft schlecht oder gar nicht dokumentiert ist und die sich, weil es nur selten prominente Werke sind, verhältnismäßig leicht absetzen lässt. Galerien bilden mit 14 Prozent die nächste diebstahlgefährdete Gruppe. Und der Rest betrifft Museen, Kirchen, Friedhöfe.
Die von den Dieben bevorzugten Länder sind Italien (27.000 Objekte = 74 pro Tag), Frankreich (6000 oder 16 pro Tag, Deutschland (2265 oder sechs pro Tag sowie Polen und Russland. Gemälde, Skulpturen und Statuen, auch Religiöses werden am häufigsten geklaut. Und die Liste der „beliebtesten“ Künstler führt beim Art Loss Register Picasso mit 741 Verlustanzeigen an, gefolgt von Karel Appel, Miró, Chagall, Dalí, Dürer und Warhol.

1 von 10
Die teuersten Gemälde aller Zeiten (Stand 2009)
10. Peter Paul Rubens (1577-1649): “Das Massaker der Unschuldigen“ (1609/11), 76,7 Millionen Dollar (2002)

Doch Kunst wird nicht nur geschätzt. Sie wird auch immer wieder überschätzt. Das lässt sich gerade bei der Kunstkriminalität nicht übersehen. Davon können Auktionatoren ein Lied singen. Die Einlieferer haben oft fantastische Vorstellungen über den Wert der Kunstwerke, die sie besitzen.
Ein schönes Beispiel aus allerjüngster Zeit ist Hans Holbeins „Madonna des Bürgermeisters Jakob Meyer zum Hasen“, das dem Haus Hessen gehört. Wie andere Adelsfamilien will es, was es „ererbt von seinen Vätern“, zu Geld machen. Da das berühmte Gemälde in der Liste national wertvollen Kulturguts steht, kann es nicht ins Ausland verkauft werden – es sei denn, die Bundesregierung erlaubt die Streichung von dieser Liste. Das mindert den Preis erheblich.
Trotzdem war ein Betrag von 40 Millionen Euro im Gespräch. Aber das genügt den Eigentümern nicht. Ihr Anwalt behauptet, ein „am Verkehrwert orientierter Verkaufserlös“ läge „nach Schätzung namhafter Auktionshäuser jenseits der dreistelligen Millionengrenze“.
Nun handelt es sich zwar um eines der wichtigsten Gemälde des jüngeren Holbein. Trotzdem ist wenig wahrscheinlich, dass es einen „Verkehrswert“ von 100 Millionen Euro und mehr hat. Diese Grenze haben bisher lediglich zwei Gemälde überschritten.
Für Pollocks „No.5, 1948“ soll David Geffen von einem unbekannten Käufer 140 Millionen Dollar (110 Millionen Euro) erhalten haben. Beweisen lässt sich das nicht. Nicht anders ist es mit den 135 Millionen Dollar (107 Millionen Euro), die Ronald Lauder für Klimts Porträt „Adele Bloch-Bauer I“ gezahlt haben soll. Schließlich ist das Renommieren mit „Höchstpreisen“ unter Sammlern kein neues Phänomen.
Der höchste von allen Zweifeln freie Preis wurde 2004 bei Sotheby’s in New York für Picassos „Junge mit der Pfeife“ gezahlt. Das waren mit Aufgeld 104,2 Millionen Dollar, damals 86 Millionen Euro. Und der teuerste Altmeister, Rubens’ „Massaker der Unschuldigen“, kam 2002 in London auf 49,5 Millionen Pfund, umgerechnet 77 Millionen Euro. Nun sind zwar Alte Meister höchster Qualität auf dem Kunstmarkt äußerst rar. Aber dass der Holbein, an Deutschland gefesselt, Londoner oder New Yorker Zuschläge erreicht, ist höchst unwahrscheinlich.
Von ähnlichen Preisfantasien werden Kunstwerke begleitet, die gestohlen wurden. Das gilt selbst für die bescheideneren Regionen der Druckgrafik. Als im November in Oslo von Edvard Munch nacheinander die Lithografien „Lösrivelsen II“ und „Historien“ gestohlen wurden, hieß es, sie seien 300.000 und 240.000 Euro wert. Nur lagen die höchsten Auktionspreise für diese beiden Grafiken bislang nur wenig über 90.000 Euro für das eine und knapp 28.000 Euro für das andere.
Die Fantasie-Zahlen schmeicheln jedoch nicht nur den Sammlern, deren Verlust damit dramatisiert wird, sie werden auch von den Kunstdieben geschätzt, weil sie so aus der Zeitung erfahren, was ihre Beute wert ist. Denn ihnen geht es ums Geld.
Kunstdiebstahl ist, wenn berühmte Werke gestohlen werden, oft „art-napping“, also der Versuch, ein Lösegeld zu erpressen. Alle in diesem Gewebe Gefangenen – Sammler, Museen, Versicherer – bestreiten zwar, dass das üblich sei. Aber ein „Finderlohn“ von gewöhnlich sieben bis zehn Prozent des Marktwertes wird schon mal gezahlt. Oder eine „Aufwandsentschädigung“ für Mittlerdienste bei der Wiederbeschaffung. Denn das kommt allemal billiger als die volle Versicherungssumme.
Und es hat seine Tücken. Das musste die Hamburger Kunsthalle erfahren, nachdem sie 2003 Caspar David Friedrichs „Nebelschwaden“, die 1994 in Frankfurt aus der Schirn gestohlen worden waren, zurückerhalten hatte. Sie wollte dem Rechtsanwalt, der das eingefädelt hatte, seine Auslagen nicht zahlen, weil sie ihn der Komplizenschaft mit den Dieben verdächtigte. Aber da das nicht zu beweisen war, wurde die Kunsthalle vom Gericht zur Zahlung verurteilt: 250.000 Euro – bei einem Versicherungswert von knapp zwei Millionen Euro.
Eine Rückkehr der verlorenen Kunstwerke ist allerdings eher die Ausnahme. Lediglich zwischen zehn und 20 Prozent der Fälle werden aufgeklärt. Und die Liste berühmter Bilder, die nicht wieder auftauchten, ist lang. Viele dienen, das gilt inzwischen weitgehend als gesicherte Erkenntnis, den weltweit agierenden kriminellen Banden als eine Art Zweitwährung beim Drogenkauf oder als Pfand, um illegale Kredite abzusichern. Damit kommen Drogen- und Menschenhandel ins Spiel, denen, was die Umsätze betrifft, die Kunstkriminalität angeblich nur wenig nachstehe.

VAGE ZAHLEN

Doch selbst wenn die sechs bis acht Milliarden realistisch wären, wäre das ein kümmerlicher Erlös. Denn nach Schätzungen der Vereinten Nationen werden mit Menschenhandel etwa 35 Milliarden, mit dem illegalen Drogenhandel zwischen 400 bis 500 Milliarden Dollar umgesetzt. Wobei auch das nur vage Zahlen sind, weil keines dieser „Gewerbe“ seine Buchführung publik macht oder das Finanzamt an den Erlösen teilhaben lässt.
Nicht anders ist es bei der Kunstkriminalität – wobei unausgesprochen bleibt, ob sich die Zahlen nur auf Raub und Diebstahl beziehen oder ob Fälschungen und andere Formen des Kunstbetrugs, auch die Beute aus Raubgrabungen und der Kunstschmuggel mit eingerechnet sind.
Auf der Seite von Interpol heißt es deswegen unmissverständlich: „Wir besitzen keine Unterlagen, dass der illegale Handel mit Kunst die dritt- oder vierthäufigste Form illegalen Handels ist. Jedenfalls ist es äußerst schwierig, eine genaue Vorstellung zu gewinnen, wie viele kulturelle Objekte weltweit gestohlen werden, und es ist unwahrscheinlich, dass es jemals darüber genaue Statistiken geben wird.“
Nicht anders sieht es bei den Summen aus, die damit umgesetzt und verdient werden. Nicht zuletzt auch, weil Kunstbesitz oft nicht versichert und bei Diebstahl nicht gemeldet wird, weil er mit Geld erworben wurde, das den Umweg über Steuern und Finanzamt scheute. Kunst und Geld sind nicht zuletzt Geschwister, die ihre Geheimnisse zu wahren wissen.

Leave a Reply

Your email address will not be published.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.