Museum Security Network

Statue stolen 1902 recovered at The European Fine Art Fair (TEFAF) 2007

Eine gute Figur
Da steht sie nun und kann nicht anders. Sie schweigt. Dabei hätte sie viel zu erzählen. Sie wäre die einzige, die den Kunstraub in eigener Sache aufklären könnte. Und nur sie wüsste genau, wo sie die vergangenen 100 Jahre
über gesteckt hat. Fast das gesamte 20. Jahrhundert über war sie fort. Das Kaiserreich brach zusammen, die Sowjetunion kam und ging, Menschen flogen zum Mond – sie blieb verschwunden. Aber Heilige leben im Angesicht der Ewigkeit und haben einen langen Atem. Ebenso wie Kunstexperten. Und deshalb wird die rund 30 Zentimeter hohe Figur heute wieder ihren angestammten Ort einnehmen, so, als wäre sie nie verschwunden aus ihrer Nische im berühmten Altarretabel der
Goldenen Tafel im hannoverschen Landesmuseum. Verschiedene Geldgeber haben den Kauf der 250 000 Euro teuren Statuette ermöglicht.

Damit findet nach mehr als 100 Jahren ein Kriminalfall sein Ende. Das Retabel, geschaffen um 1420 für die Lüneburger Michaeliskirche, kam etwa 1862 ins damalige Welfenmuseum. Zu diesem Zeitpunkt waren von zwölf kleineren Heiligenfiguren, die an der Innenseite der aufklappbaren Flügel eine Reihe bilden, noch fünf vorhanden. Als die Flügel der Goldenen Tafel 1925 erstmals fotografiert wurden, waren es nur noch vier. „Vermutlich ist die Statuette 1902 verschwunden, als das Museum von der Cumberlandschen Galerie in sein heutiges Gebäude umzog“, sagt Kurator Thomas Andratschke, der die Geschichte der Figur mit kriminalistischer Akribie rekonstruiert hat. Erst im vergangenen März tauchte sie plötzlich wieder auf, als der Starnberger Kunsthändler Florian Eitle-Böhler sie bei der internationalen
Kunst- und Antiquitätenmesse TEFAF in Maastricht anbot. Darüber, woher er sie hatte, hüllt er sich in Schweigen.

Nur durch eine konzertierte Aktion mehrerer Institutionen war es möglich, die Statuette für das Museum zu kaufen: Die Niedersächsische Lottostiftung und die Kulturstiftung der Länder haben sich daran ebenso beteiligt wie die
Klosterkammer, das Niedersächsische Kulturministerium und die Stiftung Niedersachsen. „Das Altarretabel ist fraglos der beste Ort für die Figur“, sagt Sigrid Maier-Knapp-Herbst, Präsidentin der Klosterkammer. Allerdings sei es wünschenswert, künftig auch in der Lüneburger Michaeliskirche, die zur Klosterkammer gehört, an die legendäre Goldene Tafel zu erinnern – etwa so, wie es seit einigen Monaten schon im Kestner-Museum geschieht. Dort wurde der nicht mehr erhaltene Reliquienschrein, der im Zentrum des Altars stand, maßstabsgetreu auf eine Glaswand gemalt. Dahinter stehen wie in einem frommen Setzkasten die Originalreliquiare, die teils im Kestner-Museum gelandet sind.

Die Altarflügel hingegen zählen zu den Prachtexponaten des Landesmuseums – und ihr Glanz lässt Kurator Andratschke zu Superlativen greifen: „Norddeutschlands Kunstgeschichte hat bis zu Schwitters und Paula Modersohn-Becker nichts so Bedeutendes hervorgebracht wie die Gotik um 1400“, sagt er. Die Goldene Tafel sei mindestens so wichtig wie der berühmte Barfüßer-Altar, das zweite Prunkstück der Landesgalerie. Auch deshalb sei es so wichtig gewesen, die aus Eichenholz geschnitzte, kunstvoll bemalte und vergoldete Figur zu bekommen: „Sie ist außergewöhnlich gut erhalten, selbst die Metallapplikationen an der Krone sind in gutem Zustand“, sagt der Kurator. Inzwischen versuche das Museum, Geld für eine großangelegte Restaurierung des Altars zusammenzubringen, ähnlich wie vor einigen Jahren beim Barfüßer-Altar.

Die Heilige ist nicht die erste Figur aus der Zwölferreihe, die nach Jahrzehnten an ihren Platz zurückkehrt: Bereits 1930 war die ebenfalls lange verschwundene heilige Odilia wieder aufgetaucht, das Roseliushaus in Bremen gab sie 2005 als Dauerleihgabe ins Landesmuseum. Ganz in ihrer Nähe soll nun die neue Figur stehen. Ihr Platz in der Reihe ließ sich unter anderem mit Hilfe einer Zeichnung von 1761 ermitteln – außerdem passt sie so gut in die Aussparung in der Altarwand, als hätte diese all die Jahrzehnte lang nur drauf gewartet, sie wieder aufzunehmen.

Ein letztes Rätsel umgibt die Statuette allerdings: Es ist unklar, welche Heilige der unbekannte Meister vor fast 600 Jahren porträtiert hat. Sie hält zwar ein Buch in der Hand, wie viele Heilige, doch das Attribut, an dem die Figur identifizierbar wäre, ist wohl schon lange verlorengegangen.
Museumsdirektorin Heide Grape-Albers wird sie heute bei einer Feierstunde an ihren alten Ort zurückstellen. Die Unbekannte wird künftig so unergründlich wie eine Sphinx vom Altar herablächeln – und das Geheimnis ihrer Identität
mit aller Würde wahren, die einer echten Heiligen zu Gebote steht.

Von Simon Benne””

http://www.haz.de/newsroom/kultur/dezentral/kultur/art2610,179370#

archive of the list:
http://msn-list.te.verweg.com/

Leave a Reply

%d bloggers like this: