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Schweizer Museen unter Beobachtung

Wertvolle Kunst scheint in der Schweiz nicht sicher aufgehoben zu sein. Die Schlagzeilen aus jüngster Zeit – in Pfäffikon wurden Picasso-Bilder geraubt, und aus der Zürcher Bührle-Sammlung Gemälde von Cézanne, van Gogh, Degas und Monet – könnten jedenfalls diesen Eindruck erwecken.

Erst recht, nachdem am Freitag ein weiterer Kunstdiebstahl in Zürich bekannt geworden ist: In der grossen Ausstellung zu Ferdinand Hodler im Kunstmuseum Bern fehlt ein frühes Landschaftsbild, das Maulbeerbäume in karger Landschaft zeigt, aber unter dem Titel «Kahle Kastanienbäume im Tessin» berühmt geworden ist.

Das auf 1,1 Millionen Franken Wert geschätzte Werk von 1893 ist zwar im Katalog abgebildet, es wurde aber einer Sammlerin aus Zürich bereits vor anderthalb Jahren entwendet. Die Identität der Besitzerin war weder von der Polizei noch vom Kunstmuseum zu erfahren. Das Gemälde war erst vor ein paar Jahren durch Erbschaft zur heutigen Eigentümerin gelangt und 1998 in der Ausstellung der Sammlung Georg Reinhart unter dem allgemeineren Titel «Tessiner Landschaft» im Kunstmuseum Winterthur zu sehen. Matthias Frehner, der Direktor des Kunstmuseums Bern, fragte es 2005 für die Hodler-Retrospektive an, im Juni 2006 wurde der Leihvertrag besprochen, den die Sammlerin im September unterzeichnet retournierte.

Gutgläubige Besitzerin

Laut Stadtpolizei Zürich rief nur kurze Zeit nach Unterzeichnung des Leihvertrags, nämlich in der Zeit zwischen dem 12. September und dem 31. Oktober 2006, eine Frau bei der Sammlerin an, stellte sich als Beauftragte des Kunstmuseums Bern vor und gab an, sie wolle das Hodler-Bild wie vereinbart abholen. Dann fuhr eine, wie Polizei-Pressesprecher Marco Cortesi präzisiert, «Schweizerdeutsch sprechende, zwischen 1,60 und 1,65 Meter grosse, schlanke Frau mit dunkelblonden bis dunkelbraunen Haaren» in einem «dunkelfarbenen Mittelklassewagen» bei der Sammlerin vor, nahm das Gemälde entgegen, lud es ins Auto und fuhr davon.

Ob das Bild versichert ist, war nicht zu erfahren. Die Sammlerin wurde offenbar nicht misstrauisch, obwohl sie keinerlei Quittung über seine Aushändigung erhielt. Erst als am 5. März 2008 ein Transportunternehmen anrief, um das Gemälde im Auftrag des Kunstmuseums Bern abzuholen, erschrak die Besitzerin und schaltete die Polizei ein.

Der anderthalb Jahre zurückliegende Vorgang ist für Polizei und Fachleute unverständlich. «Ich habe so etwas in den 20 Jahren als Mediensprecher der Zürcher Stadtpolizei noch nie gehört», sagt Marco Cortesi. Mehrere Museumsdirektoren betonen, dass ein solches Vorgehen bei der Bilder-Übergabe sämtlichen Usancen im musealen Leihverkehr widerspricht. Üblicherweise schliesst das Museum einen Leihvertrag ab, in dem auch der Transport geregelt ist. Wünscht der Leihgeber kein spezifisches Unternehmen, wartet das Museum, bis der Grossteil der Leihgaben unter Vertrag ist, und holt mit einer Liste der Ortschaften, in denen die Werke abzuholen sind, bei einschlägigen Kunsttransportunternehmen – in der Schweiz sind dies die Firmen Mat Securities Express und Welti-Furrer – Offerten ein. Dies geschah für die Hodler-Ausstellung erst lange nach dem Verschwinden des Bildes. Deshalb lasse sich auch weitestgehend ausschliessen, dass jemand aus dem Umfeld des Transportunternehmens mit dem Diebstahl zu tun habe, wie Museumsdirektor Matthias Frehner gegenüber den Medien bestätigte.

Der beauftragte Kunsttransporteur erhält zu gegebener Zeit die exakten Adressen und meldet sich dann etwa vier Wochen vor Beginn einer Ausstellung bei den Leihgebern, um Termine für die Abholung der Werke abzusprechen. Diese werden beim Sammler in spezielle Transportkisten verpackt, die zuvor für jedes Gemälde speziell angefertigt wurden, um Schäden zu vermeiden. Das vermisste Holder-Bild wurde ohne eine solche Schutzkiste abtransportiert, wie Marco Cortesi von der Stadtpolizei Zürich sagt.

Die Polizei ermittle «in alle Richtungen», so Cortesi. Die genaue Kenntnis der Umstände legt jedoch die Vermutung nahe, dass die Täterin aus dem Umkreis des Museums oder der Sammlerin stammt. Wie sonst sollte jemand von der Ausleihe und dem kurz zurückliegenden Vertragsabschluss gewusst haben?
Die Adressen der Sammler werden von Museen allerdings stets mit grosser Sorgfalt und Diskretion behandelt. Normalerweise wird in der Ausstellungsplanung und im Katalog die allgemeine Wendung «aus Privatbesitz» verwendet. Im Fall der Hodler-Ausstellung im Kunstmuseum Bern gingen die Verantwortlichen darüber hinaus besonders vorsichtig mit den Namen und Anschriften um, weil man verhindern wollte, dass sich die Kuratoren der Hodler-Ausstellung, die das Pariser Musée d’Orsay zwischen November und Februar zeigte, an dieselben Sammler wenden.
Gravierende Folgen

Der Diebstahl steht zwar vermutlich in keinem Zusammenhang mit dem Raub der Werke aus der Sammlung Bührle in Zürich und aus der Picasso-Ausstellung in Pfäffikon, und das Kunstmuseum Bern ist wohl auch nicht darin involviert; Museumsdirektoren fürchten dennoch um den guten Ruf der Schweiz: Ausländische Leihgeber könnten allmählich den Eindruck erhalten, hier seien ihre Leihgaben nicht mehr sicher. Dass das Kunstmuseum Bern seine Sicherheitsmassnahmen für die Hodler-Ausstellungen ohnehin von Anfang an dem internationalen Top-Niveau angepasst hat, sollte dem entgegenwirken.

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