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Sammlung Bührle: Kunstraub und Raubkunst

Sammlung Bührle: Kunstraub und Raubkunst

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Wechselvolle Zeiten der weltbedeutenden Sammlung des gebürtigen Pforzheimers Emil Bührle – Schau in Zürich
ZÜRICH. Der gebürtige Pforzheimer Emil Georg Bührle (1890–1956) machte als Rüstungsfabrikant Karriere und war einer der bedeutendsten Kunstmäzene der Schweiz. Seine hochkarätige Kunstsammlung blieb lange ein Geheimtipp – jetzt schenkt ihr das Kunsthaus Zürich endlich die verdiente Aufmerksamkeit.

Der Februar 2008 brachte ein unsanftes Erwachen aus dem Dornröschenschlaf. Bei einem bewaffneten Raubüberfall wurden vier Gemälde aus der Sammlung Bührle gestohlen. Viele hörten damals erstmals von dieser privaten Kunstsammlung, die fernab der üblichen Touristenströme im Zürcher Villenviertel Seefeld gelegen ist. Zwei der geraubten Gemälde wurden kurze Zeit später wiedergefunden; von den beiden anderen, darunter ein Werk von Degas und Cézannes weltberühmter „Knabe mit roter Weste“, fehlt bis heute jede Spur.

Seit Überfall meist geschlossen

Seit dem Raubüberfall war die Sammlung nur noch eingeschränkt zugänglich. Nun hat sie ihren großen Auftritt im Kunsthaus Zürich – und es soll nicht bei einem einmaligen Gastspiel bleiben. Stimmen die Zürcher Bürger der Erweiterung des Kunsthauses zu, ist geplant, die Sammlung ab 2015 permanent zu präsentieren. Ein Gewinn für beide Seiten. Die Bührle Sammlung bekäme endlich ein großes Publikum und das Kunsthaus Zürich würde zum bedeutendsten Hort für die Kunst des französischen Impressionismus außerhalb von Paris aufsteigen.

Eine private Kunstsammlung spiegelt immer auch die Persönlichkeit des Sammlers wieder. Und so rückt mit der Ausstellung im Kunsthaus auch Emil Georg Bührle in den Fokus. 1890 in Pforzheim geboren, interessiert er sich schon früh für Kunst und Literatur. Bührle studiert in Freiburg und München und ist begeistert, als er bei einer Ausstellung in Berlin 1913 die Kunst der Impressionisten entdeckt. Es sollte eine lebenslange Leidenschaft werden. Nach Ende des Ersten Weltkriegs findet Bührle eine Stelle in der Fabrik seines Schwiegervaters. Dieser schickt ihn bald darauf in die Schweiz. 1924 übernimmt Bührle die Leitung der maroden Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon bei Zürich. In der Konkursmasse des Unternehmens stößt er auf das Patent für ein leichtes automatisches Geschütz. Er hat den richtigen Riecher: Die Produktion steigt an, Bührle wird zum führenden Rüstungsfabrikanten der Schweiz. Er verdient gut, sogar sehr gut, auch in der Zeit während des Zweiten Weltkriegs. Dem Aufbau seiner eigenen Kunstsammlung steht nun nichts mehr im Weg.

Im Lauf der Jahre trägt Bührle eine Sammlung von Weltrang zusammen. Der Schwerpunkt liegt auf der französischen Malerei des 19. Jahrhunderts. Die Ausstellung glänzt mit Van Goghs „Sämann mit untergehender Sonne“, Schlüsselwerken von Cézanne und Gaugin, Renoirs bezauberndem Portrait der „kleinen Irene“ und Monets monumentalen Seerosenbilder. Bührle entdeckt eine starke atmosphärische Verwandtschaft der Impressionisten zur venezianischen Malerei und erweitert seine Sammlung um Arbeiten von Canaletto, Guardi und Tiepolo. Landschaft, Stillleben, Porträt oder Genrebild – Bührle kauft, was ihm gefällt. Und so finden sich, etwas überraschend, auch mittelalterliche Heiligenskulpturen aus dem Bodenseeraum in der Ausstellung.

Links neben dem Eingangsbereich verbirgt sich ein kleiner, aber umso interessanterer Dokumentationsraum, der Bührles Lebenslauf rekonstruiert und Fragen nach der Herkunft der Bilder nachgeht. 13 Kunstwerke erwiesen sich nach Kriegsende als Bilder, die jüdischen Eigentümern gestohlen worden waren. Bührle gelang es, neun Bilder ein zweites Mal zu kaufen; vier Bilder musste er zurückgeben.

Pforzheim ging leer aus

Bührle und das Kunsthaus Zürich verbindet eine lange Geschichte. Er schenkte dem Museum Rodins Höllentor und zwei Bilder von Monet. Vor allem aber stiftete er den großen Ausstellungstrakt, in dem auch die jetzige Schau zu sehen ist. Die Vollendung des Baus erlebte er nicht mehr. Bührle starb 1956. Für den Fall seines Todes hatte er keine Vorkehrungen getroffen und so machte sich auch seine Heimatstadt Pforzheim Hoffnung, ein paar seiner Gemälde zu bekommen. Leider vergebens. 1958 wurde seine Sammlung zum ersten Mal im Kunsthaus Zürich ausgestellt. Zwei Jahre später gründete seine Familie die Stiftung E.G. Bührle.

Gang durch die Kunstgeschichte

Die Ausstellung gleicht einem beeindruckenden Gang durch die europäische Kunstgeschichte: Frans Hals, Delacroix, Ingres, Manet. Dazu Werke der Nabis, der Fauves und der Kubisten – Highlight hier sicherlich Picassos „Italienerin“ von 1917. Insgesamt rund 180 Arbeiten.

Alles nur Meisterwerke? Nein, eine Fälschung hat sich eingeschlichen. 1939 nahm Bührle an einer Auktion in Luzern teil, bei der beschlagnahmte Bilder sogenannter „entarteter Kunst“ aus deutschen Museen im Auftrag der Nationalsozialisten zum Verkauf kamen, darunter auch ein Selbstbildnis Van Goghs, das der Neuen Pinakothek in München gehört hatte. Bührle wurde überboten, griff aber sofort zu, als ihm 1948 eine zweite Fassung des Gemäldes angeboten wurde. Es war, wie sich später herausstellte, eine gut gemachte Fälschung. Auch diese Geschichte wird im Dokumentationsraum erzählt. Dieses Bild freilich ist nicht das einzige Kuriosum, auf das der Ausstellungsbesucher bei seinem Rundgang stoßen wird. Florian Weiland

Van Gogh, Cézanne, Monet – Die Sammlung Bührle zu Gast im Kunsthaus Zürich. Geöffnet bis 16 Mai, täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr, mittwochs bis freitags bis 20 Uhr.

www.kunsthaus.ch

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