Museum Security Network

Policen gegen Diebstahl, Transport- und Brandschäden kosten immer mehr. Museen können die Summen kaum noch aufbringen.

Versicherungspolicen kalkulieren, ist eine Kunst für sich. Das gilt umso mehr, wenn die Kunst als solche mit ins Spiel kommt, es also um die Versicherung von Kunstobjekten geht. Denn diese stößt derzeit an ihre Grenzen. “Es kann sein, dass wir bald nicht mehr in der Lage sind, große Ausstellungen zu machen”, beschreibt Chris Dercon die Lage. Er ist Direktor des Münchner Ausstellungstempels Haus der Kunst. Schuld an der Lage seien die in den vergangenen sieben Jahren rasant gestiegenen Kunstpreise, was die Versicherungsprämien in astronomische Höhen getrieben hat.

“Seit den Anschlägen vom 11. September sind die Versicherungen von großen Kunstwerken, insbesondere von Impressionisten aber auch hoch gehandelten Gegenwartskünstlern, enorm stark gestiegen”, berichtet auch der Direktor der Hamburger Kunsthalle, Hubertus Gaßner. “Sponsoren sind seither für uns sehr wichtig. Ohne sie könnten wir große Ausstellungen gar nicht realisieren.” Einen Wert von einer Milliarde Euro haben die in Spitzenausstellungen versammelten Exponate inzwischen erreicht, sagt Georg von Gumppenberg. Als Leiter der Allianz Art Privat, ist er beim Münchner Assekuranzriesen für Kunstversicherungen zuständig. Die Versicherungsprämie liege in der Regel bei ein und eineinhalb Promille. Eine Million Euro und mehr kann also bei großen Ausstellungen allein die Versicherung kosten. Dazu kommen Transport, Bewachung, Auf- und Abbau, alles unter Hochsicherheitsbedingungen.
“Hohe Einzelwerte fliegen allein im Flugzeug”, beschreibt Stefan Horsthemke den Transport eines kostspieligen Gemäldes. Er ist Direktor des nach eigenen Angaben weltgrößten Kunstversicherers Axa Art. In der Topkategorie sind Maler wie Pablo Picasso oder Gustav Klimt, deren Bilder zuletzt für jeweils gut 100 Millionen Dollar ihren Besitzer gewechselt haben. Solche Werte öffentlich zur Schau zu stellen, kommt teuer. “Es wurden schon Ausstellungen abgesagt, weil das Budget inklusive Versicherungsprämie gesprengt wurde”, sagt Gumppenberg. Am Rande des Scheiterns habe gerade eine Schau von Werken des hoch gehandelten US-Künstlers Mark Rothko und abstrakten Expressionisten beim Wechsel von München nach Hamburg gestanden. Die Ausstellungsmacher selbst hüllen sich zu Versicherungsfragen in Schweigen. Fakt ist: Die Rothko-Ausstellung wird in der Hamburger Galerie der Gegenwart vom 16. Mai bis 24. August mit rund 100 Werken gezeigt. Wesentlich trägt dazu der Sponsor E.on Hanse bei, ohne den diese Ausstellung nicht hätte finanziert werden können, sagt Gaßner. Die Ausstellungskosten liegen in Millionenhöhe.

Branchenkenner sind mit Blick auf die Preisentwicklung skeptisch. Auf den Spitzenplatz der monetären Rangliste hat sich 2007 Popart-Ikone Andy Warhol geschoben. Von ihm wurden im vergangenen Jahr Werke im Gesamtwert von 420 Millionen Dollar bei Auktionen verkauft, hat das Internetportal artprice.com ermittelt. Insgesamt hätten die Umsätze am globalen Kunstmarkt um satte 44 Prozent auf 9,2 Milliarden Dollar zugelegt. Verantwortlich sei eine zunehmende Anzahl von Auktionen, aber auch ein neuer Preisschub. Um 18 Prozent sei käufliche Kunst 2007 im Schnitt teurer geworden. Sechs Jahre zuvor waren Gemälde und andere Kunstobjekte im Preis bereits um 65 Prozent gestiegen. Wenn sich Sammler oder eine Spezies, die Policen gegen Diebstahl, Transport- und Brandschäden kosten immer mehr. Museen können die Summen kaum noch aufbringen.

Kunstkenner verächtlich “Ansammler” nennen, auf einen bestimmten Künstler oder eine Kunstrichtung stürzen, sind noch ganz andere Sprünge drin. “Da geht es binnen Monaten schnell um einige hundert Prozent hoch”, sagt Dercon. Überall auf der Welt werde mittlerweile gesammelt. “Es ist ein Hype, Kunst zu besitzen”, bekräftigt Gumppenberg. Früher sei es ein Rolls-Royce gewesen, heute eben Kunst in jeder Form.

Sehr im Trend sind gerade Designmöbel und große Installationen auf zum Verkauf bestimmten Grundstücken, um deren Wert zu steigern. Der Hamburger Kunsthallendirektor Gaßner geht davon aus, dass der Wert von Kunst in Zukunft auch noch weiter steigen wird: “Kunst ist ein preishohes Gut.” Insofern stelle sich auch die Frage, “ob man das Risiko eingehen will, dauerhaft an einem Ort wie in einem Museum überhaupt so viele hohe Werte anzuhäufen”.
Um sich greift auch ein Verbrechen, das Experten “Artnapping” nennen, also das Stehlen teurer Kunst, um Lösegeld zu erpressen. Darüber spricht man aber in der Branche nicht gern. “Ich habe dreimal Diebstahl mitgemacht, aber davon hat die Öffentlichkeit nichts gehört”, sagt Dercon. Kunstraub sei ein Delikt mit sehr hoher Aufklärungsquote, meint Gumppenberg zu diesem Thema. Andererseits sind im Art Loss Register, der weltgrößten Datenbank für verlorene und gestohlene Kunst, über 200 000 Gegenstände registriert.

Aus Versicherungssicht sei ein Brand die größte Gefahr, betont Gumppenberg. Ein Dieb könne nur eine begrenzte Anzahl von Exponaten mitnehmen, ein Feuer aber alles rauben. Einer der größten Versicherungsfälle sei vor vier Jahren ein Brand in einem Londoner Kunstlager gewesen, der rund 100 Millionen Euro Schaden verursacht habe, unterstreicht Horsthemke. An Prämien kommen für die Assekuranz für Kunst per annum geschätzt rund zwei Milliarden Euro in die Kasse. Zum Profit schweigt man.

Kunstdirektoren wie Dercon stehen indessen ratlos vor den anschwellenden Prämien. “Machen Sie doch was mit Blumen”, sei ein Rat an ihn zum Schonen des Budgets gewesen. Sein säuerlicher Gesichtsausdruck zeigt, was er davon hält. Horsthemke rät zu kleineren und exklusiven Ausstellungen, um die Versicherungssumme niedrig zu halten. Für Entspannung könnte derweil ausgerechnet die globale Finanzmarktkrise sorgen. Denn im ersten Quartal 2008 sind die Kunstpreise erstmals seit 2001 wieder gefallen, gab Artprice jüngst bekannt. Minus 7,5 Prozent, sagen die Experten und nennen die turbulenten Börsen als Grund. Ob das bei Kunstpreisen eine echte Trendwende einläutet oder ihnen nur eine Delle beschert, mag derzeit aber niemand seriös abschätzen.

http://www.abendblatt.de/

toncremers@museum-security.org
http://www.museum-security.org
http://www.museumbeveiliging.com
http://www.handboekveiligheidszorgmusea.nl

Comments are closed.

%d bloggers like this: