Museum Security Network

Informative German language report about art theft

Der graue Markt für bunte Bilder
von Stefan Koldehoff

http://www.cicero.de/97.php?ress_id= 6&item= 4721

Das Geschäft mit Raub- und Beutekunst floriert. Mit gestohlenen Gemälden wird Geld gewaschen und Heroin bezahlt, werden Steuern gespart und Sammlungen aufgebaut. Die steigende Nachfrage wird aus Archiven, Museen und Beutekunstlagern gedeckt.

Plötzlich war er wieder da, der große Unbekannte mit dem Hang zur teuren Kunst. Und zum ersten Mal hatte er sogar ein Gesicht – das von Calisto Tanzi. In verschiedenen Kellern, die Mitgliedern seiner Familie in Parma gehörten, fand die Polizei kurz vor Jahreswechsel ein kleines Privatmuseum: Carabinieri in schlecht sitzenden Uniformen hielten eine ungelenke Zeichnung und ein Stilleben aus van Goghs frühen holländischen Jahren in die Kameras, eine von zahlreichen Pourville-Landschaften von Monet, das Aquarell einer Hütte von Cézanne, eine Bleistiftzeichnung von Modigliani, ein kleines Picasso-Stillleben, eine rudimentär skizzierte Degas-Ballerina und ein gefälliges Frauenporträt des italienischen Salonmalers Giuseppe de Nittis in die Kameras.
Was man kauft, wenn einem Namen wichtig sind – und nicht Qualität. Vielleicht, so mutmaßten sofort einige Medien, sei nun auch der Verbleib jener Bilder geklärt, nach denen die Kunstwelt seit Jahren und Jahrzehnten sucht – weil sie irgendwann einmal gestohlen wurden und danach nie wieder aufgetaucht sind. Vielleicht sei Tanzi der geheimnisvolle Auftraggeber, von dem seit Jahrzehnten geraunt wird. Das Geld, die Diebe zu bezahlen, hatte er ja offensichtlich. Schon bald stand aber fest, dass diese Spur nicht nach Norditalien führte. Tanzi, der Gründer des pleitegegangenen Lebensmittelkonzerns Parmalat, hatte seine Bilder nicht versteckt, weil sie gestohlen waren. Er wollte sie nur nicht dem Konkursverwalter ausliefern.

Trotzdem sprach sofort wieder jeder vom unbekannten Auftraggeber, als in den letzten Stunden des Jahres 2009 bei zwei Überfällen in Südfrankreich gleich 30 wertvolle Kunstwerke von Degas, Picasso, Rousseau und anderen Klassikern der Moderne gestohlen wurden und anschließend, wie so viele vor ihnen, spurlos verschwanden. Die Kunstdiebstahlsdatenbank von Interpol in Lyon liest sich inzwischen wie das Inventar eines bedeutenden Weltmuseums. Unter der Nummer 2008/5583-1.4 ist dort das Cézanne-Porträt gespeichert, das bewaffnete Räuber im Februar 2008 mitsamt seinem schweren Stuckrahmen aus dem Privatmuseum der Bührle-Stiftung hinausschleppten. 2008/5181-1.1 und -1.2 markieren die beiden Picasso-Gemälde aus dem Sprengel-Museum Hannover, die im selben Monat aus einer Ausstellung in Pfäffikon verschwanden. Und seit dem 1. Januar finden sich dort unter der Nummer 2010/122-1.1 auch das Degas-Pastell, das Unbekannte trotz Alarmsicherung am Silvestertag aus dem Musée Cantini im Zentrum von Marseille von der Wand schrauben konnten. Die französische Polizei geht von einem sogenannten „Insider Job“ aus, bei dem Museumsmitarbeiter beteiligt gewesen wären.

Niemanden verwundert ernsthaft, dass solche millionenteuren Kunstwerke gestohlen werden. Verblüffend ist aber, dass viele dieser Bilder seit Jahren und Jahrzehnten nicht wieder aufgetaucht sind. Jene auf über hundert Millionen Dollar geschätzten Gemälde von Rembrandt, Vermeer, Degas und Manet zum Beispiel, die falsche Polizisten schon im März 1990 aus dem Isabella Stewart Gardner Museum in Boston geraubt haben. Von ihnen fehlt auch 20 Jahre später noch jede Spur – obwohl für Hinweise auf den Verbleib inzwischen fünf Millionen Dollar ausgesetzt sind und die Tat längst verjährt ist.

Solche Werke ließen sich am Kunstmarkt nicht verkaufen, heißt es nach spektakulären Kunstdiebstählen immer wieder gebetsmühlenartig. Die Täter blieben auf ihnen sitzen, deshalb hätten sie gar keine andere Möglichkeit, als sie irgendwann doch wieder den ursprünglichen Besitzern anzubieten – gegen Lösegeld oder einfach nur gegen die Zusicherung von Straffreiheit. Das aber geschieht nur in sehr wenigen Fällen. Was liegt also näher, als zur Erklärung immer wieder die Figur des verrückten Milliardärs zu bemühen, der sich in den vergangenen Jahren dieses geheime Museum der gestohlenen Bilder zusammenklauen ließ. Der sein Geld mit Drogengeschäften, Mädchenhandel, mit Blutdiamanten oder eben – wie im Fall Tanzi – durch Korruption und Veruntreuung verdient hat und nun, plötzlich zum Kulturmenschen mutiert, Meisterwerke der Kunstgeschichte in seinem begehbaren Kellertresor hortet. Die Sache hat nur einen Haken: Den internationalen Polizeibehörden ist es in den vergangenen Jahrzehnten nicht ein einziges Mal gelungen, einen solchen Sammler dingfest zu machen – weil es ihn nicht gibt.

Der verrückte Millionär mit Kunstverstand ist eine Legende, die Wirklichkeit sieht deutlich profaner aus: Es gibt seit vielen Jahren, vor allem aber seit der Öffnung des ehemaligen Ostblocks, einen grauen Markt für teure bunte Bilder. Nicht über seriöse Galerien oder Auktionshäuser wird mit ihnen gehandelt, sondern in Hinterzimmern, unter der Ladentheke und über das Internet. Mit gestohlenen Kunstwerken wurde in Luxemburg bereits Geld gewaschen, versuchten Kriminelle in der Türkei Heroin zu bezahlen, werden teure Immobilien finanziert. Selbst über Kleinanzeigen auf den Kunstmarktseiten seriöser Blätter wie der Süddeutschen Zeitung, FAZ, Welt oder des Handelsblatts werden samstags immer wieder Werke zweifelhafter Herkunft angeboten, die sich im legalen Kunsthandel nicht absetzen lassen. In der Regel ist dieser Vertriebsweg für jene, die aus den gestohlenen Bildern Geld machen, aber viel zu öffentlich. Geraubt werden die Kunstwerke von gut organisierten Banden, die häufig aus ausgebildeten, aber schlecht bezahlten ehemaligen Soldaten aus dem Ostblock oder vom Balkan stammen. „Seit sie am Geschäft beteiligt sind“, sagt Charles Hill, der ehemalige Leiter der Kunstabteilung bei Scotland Yard, „ist es auch zunehmend brutaler geworden. Dass Museen heute während der Öffnungszeiten überfallen, dass die Besucher mit Schusswaffen bedroht oder den Aufsehern ein Messer an den Hals gehalten wird, hat es früher nicht gegeben.“

Hauptbetätigungsfeld dieser professionellen Kunstdiebe sind die schlecht gesicherten Museen und Sammlerhäuser in Westeuropa. Der Kunsthistoriker Akinsha hatte Mitte der neunziger Jahre gemeinsam mit seinem Kollegen Grigori Koslow die Existenz von Geheimdepots in den russischen Museen öffentlich gemacht. In ihnen wird seit 1945 jene Beutekunst verborgen, die die Trophäenbrigaden der Roten Armee bei Kriegsende in ihre Heimat verschleppt hatten. Bis heute ist ihr Umfang nicht bekannt, offizielle Inventare gibt es nicht. Immer wieder konnten deshalb aus den „Spezfondy“-Depots Kulturgüter verschwinden, die anschließend auf dem grauen Markt angeboten wurden. Betroffen sind aber auch die regulären Museumsbestände. Im Sommer 2006 wurde bekannt, dass aus der Russischen Abteilung der Eremitage in St. Petersburg 221 Objekte vermisst wurden – vor allem Ikonen und Emailarbeiten aus dem 15. bis 18. Jahrhundert in einem geschätzten Gesamtwert von rund vier Millionen Euro. Als Käufer gelten vor allem Abnehmer in Fernost und in Südamerika.

Nach Recherchen der Moskauer Tageszeitung Gaseta sind aus russischen Museen seit 1990 mehr als 50 Millionen Kunstgegenstände gestohlen worden, darunter 3,4 Millionen Gemälde und 37000 Ikonen. Den Gesamtwert der auf dem grauen Markt angebotenen Objekte schätzt das Blatt auf mehr als eine Milliarde Dollar. Gerüchte, auch van Goghs Spätwerk „Das weiße Haus bei Nacht“ aus der Sammlung des Weimarer Fabrikanten Otto Krebs sei illegal aus dem Beutekunstdepot der Eremitage verkauft worden, haben sich allerdings nicht bestätigt.

In letzter Zeit spielt auch jene Raubkunst eine immer größere Rolle, die zwischen 1933 und 1945 ihren meist jüdischen Besitzern geraubt oder abgepresst wurde und anschließend den Weg über den Atlantik nahm. Das Bildnis eines „Mädchens aus den Sabiner Bergen“ von Franz Xaver Winterhalter zum Beispiel versuchte die amerikanische Besitzerin 2006 im Kölner Auktionshaus Lempertz versteigern zu lassen. An gleicher Stelle hatte es 1937 ihr Vater, der SA-Obersturmbannführer Karl Wilharm, bei einer Zwangsauktion günstig aus dem Besitz des enteigneten jüdischen Galeristen Max Stern erworben. Später war die Familie in die USA übergesiedelt.

Weitaus häufiger taucht am dortigen Kunstmarkt – vor allem bei kleinen Häusern, deren Angebot sich über das Internet nur schlecht verfolgen lässt – wieder auf, was US-Soldaten 1945 illegal aus Deutschland mitgenommen hatten. Weil die Generation der GIs inzwischen ausstirbt, wollen nun ihre Erben die längst abgekühlte heiße Ware zu Geld machen. Strafrechtlich sind die Diebstähle von 1945 längst verjährt.
Privatrechtlich gibt es keine verbindlichen Regelungen, deshalb profitiert der graue Markt.

Der wohl spektakulärste Fall betraf den mittelalterlichen Domschatz von Quedlinburg. Der GI Joe Meador stahl das unschätzbare Samuhel-Evangeliar, einen Reliquiarkasten aus Elfenbein und zehn weitere mittelalterliche kunsthandwerkliche Arbeiten und schickte alles einfach per Post in seine Heimat. Über einen Schweizer Händler, der Teile zum Kauf anbot, konnte der Kunstfahnder Willi A. Korte den Schatz schließlich in einem Schließfach der First National Bank im texanischen Whitewright wieder ausfindig machen. Ein anderer amerikanischer Soldat stahl 1945 in Weimar die beiden berühmten Porträts, die Albrecht Dürer 1499 von den Eheleuten Hans und Felicitas Tucher gemalt hatte. Erst 1982 erhielt die DDR-Regierung die beiden Tafeln zurück. In einem Museum in Florida tauchte unlängst Meißener Porzellan aus den Leipziger Kunstsammlungen wieder auf; ein reumütiger amerikanischer Pfarrer bekannte auf dem Totenbett, dass er als junger Soldat 1945 in Deutschland Zeichnungen gestohlen hatte.
Griechische Vasen aus den geplünderten Beständen der Würzburger Kunstsammlungen befinden sich angeblich noch immer im Art Institute of Chicago, das die Identität der Stücke aber bestreitet. Das Metropolitan Museum of Art hingegen gab schon vor Jahren, von der Öffentlichkeit unbemerkt, Gemmen zurück, die ein Offizier aus der Staatlichen Münzsammlung in München hatte mitgehen lassen: Wachsabdrücke, die man dort rechtzeitig angefertigt hatte, belegten die bayerischen Ansprüche. Ein Arzt aus Toronto besaß eine wertvolle Uhr aus dem Schlossmuseum Gotha, ein Museum in Philadelphia Teile von Prunkrüstungen aus der Rüstkammer in Dresden. Kaiserliche Urkunden mit Siegeln und alte Karten aus Nürnberg wurden nach Kriegsende ebenso in die USA verschleppt wie mittelalterliche Akten aus einem Kirchenarchiv bei Aachen oder eine Kartenspielerszene aus dem 19. Jahrhundert aus der Alten Nationalgalerie in Berlin. Das Gemälde fand sich im Büro eines Rechtsanwaltes in Upstate New York wieder. Dessen Sohn bestätigte die Herkunft des Bildes auch, verweigerte eine Rückgabe aber mit dem Hinweis auf die längst eingetretene Verjährung.

Im Museum von Pirmasens fehlen bis heute 15 Bilder von Heinrich Bürkel, die bei Kriegsende verschwunden sind. Eines von ihnen tauchte im Herbst 2007 im Münchner Auktionshaus Hampel wieder auf. Man kenne den Sammler gut, war alles, was das Unternehmen über die Identität seines Einlieferers sagen wollte. Es bedurfte längerer Recherchen, bis die Stadt schließlich herausfand, dass es sich um die Münchner Zeitschriftenverlegerin Beda Bohinger („Der Bäckermeister“, „Der Metzgermeister“) handelte, der es der Kunsthändler Konrad Bernheimer verkauft hatte. Nun wird prozessiert. Drei weitere Bürkel-Gemälde aus Pirmasens tauchten 2003 in einem kleinen Auktionshaus in Pennsylvania wieder auf. Ein amerikanischer Soldat hatte sie offenbar im März 1945 an ihrem Auslagerungsort gestohlen und in die USA geschickt. Erst eine Woche vor Weihnachten kam von einem anderen Absender die vorerst letzte E-Mail – diesmal mit angehängten Digitalfotos: sechs Herrscherporträts des 18. Jahrhunderts, eine bewölkte Flusslandschaft mit Höhlen und Schafen und ein römisches Stadttor von Heinrich Bürkel.
Eine Freundin, schrieb der amerikanische Absender, habe die Bilder von ihrer Mutter erhalten, die sie wohl ihrerseits von ihrem Bruder bekam, der während des Zweiten Weltkriegs in Europa diente. Recherchen hätten ergeben, dass die Bilder wohl aus Pirmasens stammten. Sollte sich dies bestätigen, wolle man das gesamte Konvolut nach Deutschland zurückgeben: „Diese Leute wollen und werden das Richtige tun.“

Ausdruck von http://www.cicero.de/97.php?ress_id= 6&item= 4721

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