In loving memory of Artnose

kunstmarkt: Eins auf die Pappnase

Claudia Herstatt

Der Kunstmarkt ist eine ernst betriebene Sache, schließlich geht es um handfeste Interessen, Eitelkeiten und viel Geld. Gerade deshalb ließe sich der selbstgefällige Betrieb herrlich auf die Schippe nehmen, aber kaum einer tut es. Ausnahme: der promovierte Kunsthistoriker Tom Flynn. Sarkastisch und unverschämt, geschmacklos und bissig, jedoch nie ohne Tiefgang schnüffelt er in seinem satirischen Online-Kunstmarktmagazin artnose in der Kunstwelt herum. Die Internet-Adresse lautet www.artknows.com, und mit demselben britischen Wortwitz verfasst Flynn auch seine Beiträge. So berichtete er kürzlich über einen Konzeptkünstler, der nach acht Monaten aus einem Erdloch auftaucht und gleich für den Turner Prize vorgeschlagen wird. Sein Name sei “Dick Tater”.

Die Auffindung Saddam Husseins dient Flynn als satirischer Aufhänger, um die alljährlich heftig umstrittenen Nominierungen des Turner-Preises für zeitgenössische Kunst zu karikieren und auf die Performance eines Zeitgenossen anzuspielen, der sich vier Wochen lang in eine Glasbox über dem Verleihungsort des Preises, der Tate Modern, sperren ließ. Wie man sich als Juror für die Sitzung für den mit 20000 Pfund dotierten Szene-Preis passend auszustaffieren hat, weiß artnose ebenfalls: mit einem Jumpsuit aus dem bei der Tour de France erprobten High-Tech-Material Kevlar – mit Taschen für eine Flasche Champagner der Marke Bollinger, mit einer Augenbinde zur Begutachtung der Kunstwerke, einem Spiegel zum Kokainaufziehen und einem vom Werbemogul Charles Saatchi und dem Tate Modern-Direktor Nicholas Serota gemeinsam verfassten Handbuch über Kontaktpflege.

Nicht minder grimmig ist die Empfehlung der respektlosen “Kunstnase” für ein zeitgemäßes Kunstgeschenk. Für 399.99 Pfund bietet Flynn ein Repatriations-Kit mit vorgefertigten Fragebögen, Zollpapieren und wattierten Umschlägen an. Objekte der Beute- und Raubkunst kann der Erwerber so im heimischen Umfeld identifizieren und an den Ursprungsort zurück expedieren – nach Athen, Kuba oder Birma. “Ideal für alle, die nicht länger hinter denen zurückstehen wollen, die längst auf der schicken Restitutionswelle davonsegeln”, kommentiert er.

Im Jahr 2000 ging Tom Flynn mit artnose ins Internet, “weil ich der devoten Berichterstattung über Kunst, Museen, Messen und Kunstmarkt eine unabhängige Meinung entgegensetzen wollte”. Flynn finanziert seine Website ohne Werbung als Non-Profit-Unternehmen nebenbei und muss keinerlei Rücksichten nehmen. Allerdings ist artnose kein Kunstszene-Amüsierkanal, dazu hat Flynn seiner Produktion zu viele doppelte und dreifache sprachliche, thematische und politische Böden eingezogen.

Fast immer legen die absurden Geschichten und Kommentare mit analytischem Scharfblick Strategien, Strukturen, Selbstbeweihräucherung und Affigkeiten des Kunstbetriebs frei. Sei es nun die Anleitung “Wie male ich mir meinen eigenen Barnett Newman”, der verklausulierte Klatsch und Tratsch der Schönen und scheinbar so Wichtigen im Kunstgeschehen oder der staubtrocken vorgetragene Vorbericht zur Auktion von Vincent van Goghs auf abenteuerlichen Wegen (natürlich nicht!) wiedergefundenem Ohr in Paris. Gelästert wird dabei über alles und jeden. Aber Flynn mäkelt nicht nur, sondern fördert auch junge Künstler. Die sind zwar allesamt erfunden, werden aber mit dem Vokabular der trendigen Galerien so branchensicher angepriesen, dass man leicht darauf hereinfallen könnte. Auch der spektakuläre Online-Showroom erweist sich bei genauem Hinsehen als Fake.

Zu zwei Themen nimmt das Ein-Mann-Unternehmen aber tatsächlich auch ganz dezidiert und gelegentlich sogar satirefrei Stellung: zur Plünderung der Schätze des Museums von Bagdad und zur Rückgabe der Elgin Marbles, jener Teile des Pantheonfrieses, die Lord Elgin von Athen nach England überführen ließ. Die Diskussion um den Pantheonfries spitzte Flynn durch eine ebenso absurde wie intelligente Herkunftsgeschichte zu: Nicht die Griechen, behauptete er, sondern die Belgier seien die Schöpfer des Marmorfrieses und forderten ihn nun zurück. Der britische Guardian und die belgische Zeitung De Morgenstiegen darauf ein und luden den artnose- Editor und Buchautor Flynn im Dezember 2003 zu einer BBC-Fernsehdiskussion mit dem Direktor des Britischen Museums, Neil MacGregor, ein.

“Wie ein Diamant im Mülleimer” sei Flynns Seite, schwärmt eine Bewunderin über die Qualitäten des Satire-Magazins unter derartnose- Rubrik Reaktionen. Es ist nicht auszuschließen, dass Dr. Tom Flynn auch das erfunden hat.

 

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