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In der deutsch-russischen Beutekunstdebatte wird die Verhärtung der politischen Fronten durch eine üppig erblühte Forschungsindustrie beinahe aufgewogen. Die staatlichen Museumssammlungen Dresden, die, obwohl sie die meisten ihrer entführten Schätze zurückbekamen, noch immer viele Kunstwerke vermissen, organisierten soeben im Moskauer Deutschen Historischen Institut eine Konferenz, die neue Einsichten über deutsche und sowjetische Besatzer, vor allem aber über Verluste russischer Provinzsammlungen zutage förderte

Beutekunst
Liebesgruß aus Moskau
Von Kerstin Holm, Moskau

Zeigt Initiative: Martin Roth, Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden:
Images http://snipurl.com/dsn0h

13. März 2009

In der deutsch-russischen Beutekunstdebatte wird die Verhärtung der politischen Fronten durch eine üppig erblühte Forschungsindustrie beinahe aufgewogen. Die staatlichen Museumssammlungen Dresden, die, obwohl sie die meisten ihrer entführten Schätze zurückbekamen, noch immer viele Kunstwerke vermissen, organisierten soeben im Moskauer Deutschen Historischen Institut eine Konferenz, die neue Einsichten über deutsche und sowjetische Besatzer, vor allem aber über Verluste russischer Provinzsammlungen zutage förderte. Auf Initiative des Dresdner Direktors Martin Roth, der gezielt Kontakte zu russischen Provinzmuseen knüpft, verabschiedeten die Teilnehmer ein Kommuniqué, das die Regierungen beider Länder auffordert, grenzüberschreitende Provenienzforschung und die Vernetzung der Museen untereinander zu fördern. Die Wahrheitssuche hat einen längeren Atem als die Forderung nach Kompensation.

Vor dem Hintergrund der „echten“ Historie, die in Russland Millionen Menschen zu Opfern von Krieg und Staatsterror machte, nimmt sich die Fahndung nach Bildern wie eine Schönwetterbeschäftigung aus, fand Gastgeber Bernd Bonwetsch, der Moskauer Institutsleiter. Bénédicte Savoy, Kunstgeschichtlerin an der Berliner Technischen Universität, zeigte, dass kulturelle Amputation unheilbare Wunden schlägt. Frau Savoy erinnerte an die Statue der babylonischen Göttin Nanaja, die um 1800 vor Christus ein elamitischer Herrscher stahl. 1300 Jahre später holte der Assyrerkönig Assurbanipal sie von ihrem „unwürdigen Ort“ zurück – so lange war der Phantomschmerz wach. Um den Wert von Kunst zu verdeutlichen, zitierte die Französin den Leipziger Philosophen der Goethezeit Karl Heinrich Heydenreich, der in den Kunstschätzen einer Nation auch ein Stück Zukunft sah. Denn an ihnen bilden sich nachwachsende Generationen, die durch Kunstraub zurückgeworfen werden. Kränkungen über Kulturverluste leben, Heydenreich zufolge, so lange wie die betroffene Nation.

Ikonen verbrennen, bevor sie der Feind bekommt

Bénédicte Savoy: kulturelle Amputation schlägt unheilbare Wunden: http://snipurl.com/dsn0h

Um „minderwertige Rassen“, wozu der Nazi-Ideologie zufolge die Slawen gehörten, in Diener von Herrenmenschen umzuwandeln, wurden sie auch kulturell kastriert. Das von den Deutschen in der Sowjetunion erbeutete Kulturgut landete zum Großteil in Süddeutschland, wo es in rund 1700 Bergungsorten gesammelt wurde, vor allem in der amerikanischen Besatzungszone, teilte Julia Kantor von der Petersburger Eremitage mit. Dass eine in Russland vermisste Ikone oder ein Grabtuch als „süddeutscher Privatbesitz“ auftaucht, gehört zu den Stereotypen der Beutefahndung. Die Kulturschätze folgten der Truppenbewegung. Bibliotheksbestände des Museums von Pskow wurden von vorrückenden Sowjettruppen in Polen, der Tschechoslowakei und Deutschland sichergestellt und teilweise heimgeschickt, resümierte die Pskower Museumsbibliothekarin Swetlana Wolkowa. Einige landeten in Minsk und kamen von dort zurück. Viele Bücher befinden sich in baltischen Privatsammlungen.

An der Seite der Wehrmacht kämpften in Russland jedoch auch Ausländer. Im Jahr 2002 tauchten in Nowgorod zwei Spanier auf, deren Onkel dort im Krieg gefallen war, berichtete Sergej Trojanowski vom Nowgoroder Museum. Sie verrieten, das Bronzekreuz vom Dach der Sophienkathedrale, das herabgeschossen worden war, sei damals von spanischen Truppen mitgenommen und in der Militärakademie von Toledo aufgestellt worden. 2003 kam das Kreuz, nachdem die Russen eine Kopie angefertigt und sie den Spaniern geschenkt hatten, wieder an seinen angestammten Platz, meldete Trojanowski. Der Russe betonte, die Deutschen hätten sich in Nowgorod nicht nur schlecht aufgeführt. Sie eröffneten Kirchen und bauten anfangs sogar Häuser. Während die Rote Armee bei ihrem Rückzug dreitausend Ikonen verbrannte, damit sie dem Feind nicht in die Hände fielen.

Beutebilder als Kulturbotschafter?

Zum Thema: http://snipurl.com/dsn0h

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In Wolgograd fand sich unlängst der Katalog der im Krieg zerstörten Gemäldegalerie von Stalingrad, wie die Stadt damals hieß. Jetzt ahnen die Kollegen, was verlorenging, freute sich Tatjana Gafar vom Wolgograder Kunstmuseum. Die Publikation von 1941 zeigt das Innere der im Krieg vernichteten protestantischen Kirche, umgewidmet zum Ausstellungssaal. Als Schwarzweißreproduktion sieht man einen Räuber im Ruderboot, von Surikow mit derbem Pinselstrich gemalt, und die Studie eines nackten Pilgers von Iwanow. Ein anmutiges Bild gab es immerhin, Dessarts „Entführung der Europa“.

Russen betonen in der Debatte mehr das historische Drama, Deutsche eher die Rechtsposition, beobachtet der hochverdiente Beutekunstforscher und Wolfgang Eichwede. Dass zwei einander ergänzende Akzente zur Entfremdung der Parteien führten, bedeutet für Eichwede, dass die Diplomatie versagte. Jetzt hofft er, dass sich Beutebilder in Kulturbotschafter verwandeln. Der Philosoph Karl Heinrich Heydenreich hätte hinzufügen können, dass sie vielleicht zur Europäisierung Russlands beitragen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, Ulrich Dahl/Technische Universit

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