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Das Drama von Köln. 65 000 Urkunden, 26 Kilometer Akten. Heinrich Bölls Schriften, Hans Mayers Nachlass: Im Kölner Stadtarchiv lagerten auch Schätze der Gegenwartskultur. "Die Dokumente wären unwiederbringlich"

 

Das Drama von Köln

 

Von Kristian Frigelj Und Guido Hartmann 5. März 2009, 02:42 Uhr

 

Nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs geht die Suche nach Vermissten weiter. Der Erdrutsch wurde vermutlich durch den Bau der U-Bahn verursacht. Warnhinweise wurden von der Stadt angeblich nicht ernst genommen

Es ist der Tag nach der Katastrophe, und sosehr in Köln alle tun, was sie können, sieht es doch ein bisschen hilflos aus. Da ist die Armada aus Feuerwehrleuten, Sanitätern und Helfern des Technischen Hilfswerks, die immer noch nach zwei Vermissten sucht, obwohl man ahnt, dass es keine weiteren Überlebenden geben kann. Da ist Kölns Oberbürgermeister, der seinen Urlaub abgebrochen hat, Dutzende Interviews geben muss und eigentlich doch sprachlos ist. Da sind die Bürger dieser immer selbstbewussten und selten leisen Stadt, die nun schweigend an den Absperrbändern stehen, doch sich schnell wieder in ihre Häuser zurückziehen. Es gibt keine Schaulustigen, keinen Katastrophentourismus in der Südstadt. Dazu ist die Katastrophe zu groß.

Am Dienstagnachmittag war das Stadtarchiv, Kölns Gedächtnis, in sich zusammengefallen und riss dabei zwei weitere Häuser mit sich. Genau weiß noch niemand, warum. Doch es gibt Vermutungen.

Die Gondel am Kran schwankt am Mittag über dem Trümmerfeld in der Severinstraße. Ein Bauarbeiter versucht, eine große schwarze Folie über die Ruinen zu legen. Kollegen betreten vorsichtig den Schutthaufen und begeben sich in Lebensgefahr, um zu helfen. Der Regen setzt um kurz nach 13 Uhr ein, und die Probleme im südlichen Altstadtviertel von Köln nehmen zu. Wasser können sie nun gar nicht gebrauchen. Wasser macht alles nur noch schwieriger.

Mehr als hundert Retter und Helfer versuchen seit über 24 Stunden, ihre Arbeit zu machen. Eigentlich sind sie zum Abwarten verdammt. “Wir wollen endlich nach den Vermissten suchen, aber wir kommen einfach nicht zu ihnen durch”, sagt der Chef der Feuerwehr, Stephan Neuhoff. Das Abtragen des Trümmerhaufens, unter dem zwei Bewohner des zerstörten Nachbarhauses vermutet werden, soll frühestens am Abend möglich sein. Vorher muss der 28 Meter tiefe Erdkrater zwischen Hausnummer 220 und 232 mit Beton aufgefüllt werden. In der Nacht wurde die Baugrube neben dem Stadtarchiv bereits mit 300 Tonnen Beton gefüllt. Im Laufe des Mittwochs sollen weitere 700 Tonnen Beton zur Stabilisierung nachgegossen werden “Bevor wir den Untergrund nicht sicher machen und die einsturzgefährdeten Häuserreste nicht abreißen, können wir nichts machen”, sagt Neuhoff. “Die Wahrscheinlichkeit, dass wir noch einen Menschen lebend aus dem Trümmerberg herausholen, geht gegen null”, fügt er hinzu.

“Ich konnte es und ich kann es immer noch nicht verstehen. Wir müssen den Vorgang umfassend analysieren. Wenn es einen Hinweis gegeben hätte, hätte ich informiert sein müssen”, sagt Kölns Oberbürgermeister Fritz Schramma. Die Frage, wer die Verantwortung trägt, wird ebenfalls nur vorsichtig beantwortet. So viel ist sicher: Ein Erdrutsch in 28 Meter Tiefe hatte das Unglück ausgelöst. Der Untergrund war in eine Baugrube für die Nord-Süd-Bahn abgerutscht. Das Stadtarchiv verlor seine Stabilität und kippte nach vorn. Gera-de einmal drei Minuten blieben den 20 Mitarbeitern des Archivs, sich und noch ein knappes Dutzend Nutzer zu retten.

Christiane Haerlin recherchierte an jenem Tag Details zu ihrem Buch über die berufliche Beratung psychisch Kranker, als es plötzlich über ihr krachte. Die 66-Jährige ließ alles zurück. Der USB-Stick mit dem Buchmanuskript steckte noch im Computer, ihre Tasche mit Portemonnaie, Schlüsseln und ihre Jacke blieben im Spind. Haerlin war kaum eine halbe Minute aus dem Archiv, da stürzte es zusammen. Eine Staubwolke nahm den Überlebenden Sicht und Atem. “Das erinnerte mich an den 11. September. Das war glatter Wahnsinn”, sagt Haerlin. Sie wurde mit den anderen Geretteten im nahen Hotel “Mercure” versorgt. Schon dort sprachen die Mitarbeiter des Archivs über die Schuldfrage. Ein ehemaliger Abteilungsleiter des Stadtarchivs, Eberhard Illner, erhob später den schweren Vorwurf, es sei eine “absehbare Katastrophe” gewesen. Es habe im Vorfeld klare Warnungen gegeben. Er selber habe im Sommer vergangenen Jahres Senkungsrisse im Keller des Gebäudes festgestellt und dies auch an die Archivleitung weitergegeben. Die Staatsanwaltschaft Köln ermittelt nun wegen Baugefährdung und fahrlässiger Körperverletzung. Zunächst gegen unbekannt.

Denn die Schuld sucht niemand bei sich selbst. Die Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) und das zuständige Ingenieurbüro sagen, man habe regelmäßig die Bodenbeschaffenheit geprüft, und auch Setzrisse an den Gebäuden begutachtet. Es habe noch im Januar dieses Jahres keine Zweifel an der Standfestig-keit des Stadtarchivs gegeben. Die Stadt weist ebenfalls alle Vorwürfe von sich.

Die Hilflosigkeit der Verantwortlichen zeigt sich am ehesten an OB Schramma, als er am Morgen nach dem Unglück im Fernsehen sagt, dass er eine Fortsetzung des U-Bahn-Baus “jetzt fast für unverantwortlich” halte. Er wirft die Frage auf, ob in solch dicht bebauten Gebieten überhaupt eine U-Bahn gebaut werden kann. Das relativiert er. Später.

Vielleicht, weil er weiß, was ein Baustopp bedeuten würde. So viele Jahren, all das Geld – umsonst. Der Bau der Nord-Süd-U-Bahn ist das derzeit größte städtebauliche Projekt in Deutschland. Die geplante 3,6 Kilometer lange Strecke soll die Innenstadt vom Dom bis zum Bonner Wall unterqueren. Sechs Bahnhöfe sollen entstehen, die Tunnel werden von drei haushohen Schildbohrmaschinen gegraben.

Doch Probleme gab es schon seit Jahren. Eines ist der geschichtsträchtige sandige Untergrund der Stadt. Mehrfach förderten die Arbeiten Artefakte aus der Römerzeit zutage. Archäologen drängten auf einen zeitweiligen Baustopp. Der bislang spektakulärste Vorfall ereignete sich im September 2004. Nach Tunnelbohrarbeiten an einem Versorgungsschacht geriet der Turm der Kirche Sankt Johann Baptist um 70 Zentimeter in Schieflage. Der “schiefe Turm von Köln” konnte durch ein Stahlkorsett gesichert werden und wurde fast ein Jahr später mithilfe von Hydraulikpressen wieder aufgerichtet. Die Kosten wurden von der Versicherung der Kölner Verkehrsbetriebe übernommen.

Wie es nun mit Schadenersatz aussieht, ist bislang unklar. Offenbar ist das Archivmaterial zumindest teilweise versichert. Dessen Gesamtwert betrage 400 Millionen Euro, sagte Kölns Kulturdezernent Georg Quander. Versichert sind aber offenbar lediglich 40 Millionen Euro, hieß es später aus dem Rathaus. Das Gebäude selbst sei zum “Wiederbeschaffungswert” bei der Provinzial versichert. Was aber mit den anliegenden Häusern sowie den Schäden an Gesundheit und möglicherweise Leben ist, ist bislang noch völlig unklar. Falls der U-Bahn-Bau und damit die Kölner Verkehrsbetriebe ursächlich verantwortlich sein sollten, müsste wohl die KVB über ihre Versicherung den Schaden abdecken. Die ist aber offenbar auf 30 Millionen Euro pro Haftungsfall begrenzt, wurde gestern in Rathauskreisen spekuliert.

Doch sollte Archivmaterial unwiederbringlich verloren gegangen sein, wäre der Verlust nicht wieder gutzumachen. Der Kölner Kulturdezernent Georg Quander sprach von einem Verlust, der schlimmstenfalls sogar größer ausfallen könnte, als nach dem verheerenden Brand der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar 2004.

Im hinteren Bereich des Trümmerfeldes mühen sich Mitarbeiter des Archivs und zahlreiche Feuerwehrleute, die Urkunden und Dokumente aus den noch unbeschädigten Regalen zu sichern. Sie verpacken die unversehrten Archivalien in Pappkartons und Rollcontainer aus Aluminium und bringen sie in eine Turnhalle. Eine Mitarbeiterin des Archivs steht an einem offenen Behälter. Darin liegen, ordentlich gestapelt, Rechtsverträge der Stadt aus den Jahren 927 und 1798. Sie sind in Folien eingeschweißt.

An die verschütteten Dokumente kommen sie aber vorerst nicht heran. Der Bereich um das Trümmerfeld ist zu tückisch. Die angrenzenden Gebäude sind vom Einsturz gefährdet. “Von der Straße her können wir nicht mit schwerem Gerät ran”, sagt Neuhoff. Die Nebengebäude müssen zunächst abgerissen werden, bevor man den Schutt aus dem hinteren Bereich allmählich wegräumen kann. Neuhoff hofft, dass der Abriss bis zum Donnerstagabend geschafft ist. Sie tun, was sie kön-nen in Köln. Doch sie können es immer noch nicht fassen, dass der Boden unter ihren Füßen einfach nachgab.

http://www.welt.de/welt_print/article3320849/Das-Drama-von-Koeln.html

65 000 Urkunden, 26 Kilometer Akten

Von Hildegard Stausberg 5. März 2009, 02:42 Uhr

Mit dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs könnte die größte kommunale Sammlung nördlich der Alpen zerstört worden sein

“Historisches Archiv der Stadt Köln” lautete der offizielle Name, im täglichen Leben sprach man aber nur vom “Stadtarchiv”. Das klang nach etwas Lokalem, sogar Provinziellem. Das Gebäude aus dem Jahre 1971 war ein funktionaler Zweckbau, fast ohne Fenster. Vielleicht ist das ein Grund dafür, dass der Brand in der in einem wunderschönen Prachtbau untergebrachten Anna-Amalie-Bibliothek in Weimar – bisher – als wesentlich spektakulärer empfunden wurde, als der Zusammenbruch dieses eher unscheinbaren Plattenbaus an der Kölner Severinstrasse.

Dennoch sind dadurch möglicherweise größere Schätze verloren gegangen als in Weimar, sagt der Historiker und Leiter des Kölner Diözesanarchivs Joachim Oepen. Denn durch die schiere historische Bedeutung Kölns ist das Stadtarchiv deutlich mehr als nur das viel zierte “Gedächtnis einer Stadt”. Sondern hier wurden auch zahllose Unikate des deutschen Mittelalters gesammelt. Damit aber wurde das Stadtarchiv zum Hort europäischen Kulturerbes.

Das größte kommunale Archiv nördlich der Alpen umfasste 26 Regalkilometer Akten, 104 000 Karten und Pläne, 50 000 Plakate sowie 800 Nachlässe und Sammlungen.

Illusionslos geht die Leiterin des Historischen Archivs, Bettina Schmidt-Czaia, bisher davon aus, dass “fast alle relevanten Bestände vernichtet sind”. Das Ausmaß der Schäden lasse sich zwar noch nicht konkret fassen, aber es werde nur ein geringer Teil des Archivmaterials gerettet werden können. Und Kulturdezernent Georg Quander beziffert allein den Versicherungswert des Archivmaterials auf 400 Millionen Euro: “Es handelt sind um das Gedächtnis des gesamten Rheinlandes – und weit darüber hinaus.” Dabei hatte der langjährige Abteilungsleiter des Archivs, Eberhard Illner, schon seit geraumer Zeit immer wieder gewarnt. Er bezeichnet das Unglück jetzt als “eine absehbare Katastrophe”.

Köln war bis ins 15. Jahrhundert die größte und wichtigste Stadt des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation. Die älteste der im Archiv gelagerten 65 000 Urkunden ist denn auch schon aus dem Jahre 922 und stammt aus St. Ursula, einer der zwölf romanischen Basiliken der Stadt. Die lückenlos geführten mittelalterlichen Ratsprotokolle beginnen im Jahre 1376: Seitdem ist jedes Treffen, jede Sitzung und jedes Ereignisse protokolliert.

Seit 1130 sind in Köln sogenann-te “Schreinsbücher” belegt. Als “Schreine” bezeichnete man im Hochmittelalter die in den Kirchspielen meist in Truhen aufbewahrten Urkunden. Diese sind wichtige Zeugnisse des mittelalterlichen Liegenschaftswesens, da in ihnen alle An- und Verkäufe von Immobilien verzeichnet wurden. Insofern sind sie die Vorläufer der deutschen Grundbücher und damit auch Pfeiler der deutschen Rechtsgeschichte.

Übrigens wurden in den “Schreinsbüchern” auch die gesamten Immobilienbewegungen im Kölner Judenviertel, damals einem der wichtigsten in Europa, notiert. Die Juden hatten die Angewohnheit, bei An- und Verkäufen an die auf lateinisch verfassten Dokumente Anmerkungen auf Hebräisch zu setzen. So schrieben sie nicht nur den Namen des Käufers darauf, sondern auch die der Väter und Großväter. “Damit konnte man in Köln ganze genealogische Stammbäume jüdischer Familien bestimmen – etwas Einmaliges auf der ganzen Welt, denn wir sprechen von der Zeit vom zwölften bis fünfzehnten Jahrhundert”, sagt Helmuth Fußbroich vom “Verein zum Bau eines Jüdischen Hauses und Museums in Köln”. Ein weiteres Kleinod der jüdischen Geschichte am Rhein waren die im Stadtarchiv aufbewahrten “Judenprivilegien”. In ihnen wurden zum Beispiel die Aufenthaltsgenehmigungen der Juden geregelt. Darüber hinaus lagen dort die Anordnungen des Rates, die das Leben der Juden in Köln bestimmten. Aus dem Jahre 1396 stammt ein medizinischer Traktat in Jiddisch. 1424 wurden die Juden aus Köln vertrieben. Dazu wiederum gibt es im Archiv ein Begründungsschreiben des Rates an den Kaiser Sigismund von 1431.

Ungefähr in jenen Jahren hatte der Rat der Stadt Köln sich entschlossen, einen Rathausturm zu bauen. In dem wurden ab 1440 städtische Urkunden gelagert. Das städtische Verwaltungsarchiv stand unter der Aufsicht eines Gremiums von Rechtsgelehrten, den “Syndici”. Sie verwalteten auch die Unterlagen der Hanse, der Köln als Gründungsmitglied angehörte. Ein besonders berühmtes Kleinod aus dem 16. Jahrhundert ist das Tagebuch des Kaufmanns und Ratsherrn Hermann von Weinsberg.

Die Unterlagen des Kölner Stadtarchivs überdauerten erstaunlich komplett die Zeit der französischen Besatzung von 1794 bis 1814. Daran hatte der berühmte Sammler Ferdinand Wallraf wesentlichen Anteil, der auch das Archiv eine Zeit lang leitete. Den ersten hauptamtlichen Archivleiter erhielt es erst mit Leonard Ennen, der dort bis 1880 wirkte.

Stolz war man vor allem auf das Nachlass-Archiv. Dieses bewahrte mehr als 750 Nachlässe und Teilnachlässe auf, aus dem 19. Jahrhundert etwa so bedeutender Männer wie des in Köln geborenen Komponisten Jacques Offenbach oder die Tagebücher des Initiators der Dombaubewegung Sulpiz Boissrée. Auch die Archive des Kölner Nobelpreisträgers Heinrich Böll lagerten komplett im Stadtarchiv – darunter auch seine Nobelpreisurkunde. Die Architekten und Kirchenbaumeister Dominikus und Gottfried Böhm haben dort ebenfalls ihre Nachlässe hinterlegt. Aufbewahrt wurden im Übrigen Handschriften von Friedrich Engels und Karl Marx, dessen Beiträge in der “Rheinischen Zeitung” man ebenfalls lesen konnte, da das Redaktionsarchiv dort beherbergt war. Ausgestellt wurden auch von Napoleon I. unterzeichnete Verfügungen und ein Edikt von Ludwig XIV.

Seit Jahrzehnten übernahm die Archivverwaltung immer wieder neue Bestände, deren Sicherung an sie herangetragen wurde. Es war allerdings seit langem bekannt, dass das Gebäude voll ausgelastet war und dies ohne einen Erweiterungsbau längst nicht mehr hätte machen dürfen.

Ex-Archivleiter Illgner weist darauf hin, dass ein großer Teil der Bestände aus der Zeit vor 1945 “sicherheitsverfilmt” worden sei. Eingelagert sei dies im Barbarastollen im Schwarzwald.

Derzeit sind rund 20 Archivare und Restauratoren mit der Bergung beschäftigt. Die Urkundenbestände, heißt es, seien durch die Katastrophe womöglich weniger betroffen als die Hauptbestände, weil sie in Kellerräumen gelagert wurden.

Abriss von Gebäuderesten am Kölner Stadtarchiv begonnen

Köln (ddp-nrw) Die Feuerwehr hat am frühen Donnerstagmorgen mit dem Abriss der Ruine eines der beiden Gebäude neben dem ehemaligen Kölner Stadtarchiv begonnen.

Köln (ddp-nrw). Die Feuerwehr hat am frühen Donnerstagmorgen mit dem Abriss der Ruine eines der beiden Gebäude neben dem ehemaligen Kölner Stadtarchiv begonnen. Die Arbeiten mit Spezialgeräten würden noch bis etwa 6.00 Uhr dauern sagte ein Feuerwehrsprecher der Nachrichtenagentur ddp. Der Abriss sei nötig, um später gefahrlos an die Reste des eingestürzten Archivs heranzukommen.

Als Nächstes sollten stehengebliebene Gebäude auf der Rückseite des ehemaligen Archivs abgetragen werden, sagte der Sprecher. Nur von dort könnten Arbeiter an die stark einsturzgefährdeten Trümmer des zweiten Nachbargebäudes zum Archiv herankommen. Erst wenn auch diese Häuserreste abgerissen seien, könnten sich Bergungskräfte ohne Lebensgefahr dem Archiv selbst nähern. Bis dahin werde es noch etwa 24 Stunden dauern.

Seit dem Einsturz des Gebäudes am Dienstag werden noch zwei Männer vermisst. Sollten sie tatsächlich unter den Trümmern des Archivs und zweier benachbarter Wohnhäuser verschüttet sein, räumen ihnen Experten nur noch geringe Überlebenschancen ein.

Die Einsturzstelle war zunächst mit etwa 1700 Kubikmetern Beton verfüllt worden. Der Beton soll verhindern, dass der Boden an der Einsturzstelle erneut nachgibt.

Das vierstöckige Haus im Kölner Severinsviertel war am Dienstag zusammengebrochen. Die zwei benachbarten Wohngebäude fielen teilweise in sich zusammen. Das Archiv umfasst Dokumente aus mehr als tausend Jahren Kölner und rheinischer Geschichte. Die früheste Urkunde stammt aus dem Jahr 922. Als mögliche Unglücksursache wird der Bau einer neuen U-Bahn-Linie genannt.

ddp/roy

Url zum Artikel: http://www.ad-hoc-news.de/abriss-von-gebaeuderesten-am-koelner-stadtarchiv-begonnen–/de/Politik/20087711

Forschung in Trümmern

Heinrich Bölls Schriften, Hans Mayers Nachlass: Im Kölner Stadtarchiv lagerten auch Schätze der Gegenwartskultur

Sechs Jahre dauerten die Verhandlungen zwischen der Stadt und den Erben ihres Nobelpreisträgers. Dann endlich, im Herbst 2008, fand man eine Einigung: Für 800 000 Euro erwarb Köln – mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder – den letzten Teil des privaten Nachlasses von Heinrich Böll. Er sei glücklich, sagte Dichtersohn René Böll Anfang dieses Jahres bei der Übergabe an das Historische Archiv der Stadt, dass nun endlich eine Lösung gefunden wurde: “Ein Grund für den Verkauf war, dass die Dinge hier ganz anders gelagert werden können als zu Hause.” Dort seien die Manuskripte, Dokumente und Manuskripte teilweise in Kisten in einem feuchten Keller unter Fahrradreifen gestapelt gewesen. Und dann zog Böll sich weiße Handschuhe über und nahm vorsichtig das Abiturzeugnis seines Vaters aus einer Hülle, in dem das Kaiser-Wilhelm-Gymnasium 1937 seinem Schüler als “Gesamterfolg” ein “ausreichend” bescheinigte. Das “charakterliche und geistige Streben” des jungen Heinrich Böll bewerteten seine Pädagogen mit “zufriedenstellend”, Deutsch und Religion mit “genügend”.

Auch Akten aus der Oberbürgermeister-Zeit Adenauers lagerten im Kölner Archiv

Nachricht vom Einsturz hat auch in Rhöndorf für Bestürzung gesorgt – “Die Dokumente wären unwiederbringlich”

Von Roswitha Oschmann

Adenauer im Blick: Corinna Franz bedauert die möglichen Akten-Verluste.Rhöndorf. Die Nachricht vom Einsturz des Historischen Stadtarchivs von Köln hat auch in Rhöndorf für Bestürzung gesorgt. “Ich bin schockiert. In diesem Archiv sind so viele Schätze. Das ist ein schwerer Verlust auch für die Adenauer-Forschung”, kommentierte Corinna Franz, die Geschäftsführerin der Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus, die Schreckensmeldung. “Da können wir nur hoffen, dass etwas zu retten ist, denn die Dokumente wären unwiederbringlich. Aber selbst wenn sie nicht zerstört sein sollten, werden sie auf Jahre hin nicht brauchbar sein.”

Wenn es um die Oberbürgermeister-Zeit Adenauers ging, da schickte die Rhöndorfer Stiftung gern Forscher in das Kölner Stadtarchiv. Denn dort lagerten die meisten Akten aus dieser Ära des späteren Bundeskanzlers. “Die dienstliche Registratur, die haben wir nicht hier. Unser Archiv aus der Zeit von 1917 bis 1933 ist eher dünn. Die Lücken können wir nicht schließen”, so Corinna Franz.

Allerdings ist auch der Kölner Bestand nicht komplett. Durch den Zweiten Weltkrieg gingen bereits Dokumente verloren. Erst 2007 hatte der Honnefer Professor Günther Schulz, Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats der Stiftung, den Band “Konrad Adenauer – 1917 bis 1933” herausgegeben und dazu mit dem Historischen Stadtarchiv eng zusammengearbeitet und viele wichtige Quellen zusammengestellt. “In diesem Buch hat er neun Themenblöcke aufgeführt. Das wird jetzt sehr wertvoll”, urteilt Franz.

Antje Winter aus dem Archiv der Rhöndorfer Stiftung hat nachgezählt: “Wir haben aus der Oberbürgermeisterzeit Adenauers 17 Akten hier. Vor allem sind das private Schreiben.” So findet sich in der Schatzkammer der Stiftung die Korrespondenz des jungen Adenauers zu seiner Wahl 1917. Auch Glückwunsch-Telegramme haben die Rhöndorfer “gebunkert”.

Dienstliche Korrespondenz mit Mussolini oder Brüning liegen vor, auch Aufzeichnungen über Gespräche 1926 in Berlin wegen des Reichskanzlerpostens. Die Konzepte zu Reden, die Adenauer bei seiner Einführung als OB, beim Besuch Hindenburgs in Köln oder zur Trauerfeier von Friedrich Ebert hielt, sind da. Ebenso viele Zeitungsartikel, Unterlagen über Festakte, Menüfolgen und auch die Rechnung über Zigarren. Und auch den Schriftwechsel wegen seiner Entlassung aus dem Amt hat die Stiftung.

 

Größte Gefahr für Archiv-Schätze ist das Wasser

zuletzt aktualisiert: 05.03.2009 – 30:02

 

VON LOTHAR SCHRöDER

Köln. Einen Tag nach dem Einsturz des Stadtarchivs sind erste Hilfsangebote in Köln eingetroffen. So hat die Sächsische Landesbibliothek in Dresden ihre Unterstützung bei der Restaurierung der wertvollen Dokumente zugesagt. Und im Stadtarchiv der Landeshauptstadt Düsseldorf räumte man eigene Archivalien zusammen, um so eine Fläche von 1,2 Regalkilometern zu schaffen, auf denen Fundstücke aus Köln gelagert und gesichert werden können. Außerdem stehen nach den Worten von Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff weitere fünf Regalkilometer an Münsteraner Standorten des Landesarchivs bereit. Erste so genannte Notfallboxen wurden bereits von Münster nach Köln transportiert.

An der Unglücksstelle selbst sind bereits 20 Archivare und Restauratoren dabei, an ersten zugänglichen Stellen das zu bergen, was von den 65 000 Urkunden und 104 000 Karten übrig geblieben ist. Ihr Versicherungswert soll bei knapp 400 Millionen Euro liegen. Aber was heißt das schon bei Handschriften, die oftmals Unikate – darunter kaiserliche Bullen mit Siegel – und nicht mehr zu ersetzen sind? So gilt es nun, zu retten, was zu retten ist.

Die größte Gefahr nach dem Einsturz kommt vom Grundwasser im Einsturzkrater sowie vom Regen. Durchnässte Dokumente müssen nach der Bergung, so Benedikt Mauer vom Düsseldorfer Stadtarchiv, “an Ort und Stelle in Folie eingeschweißt und gefriergetrocknet werden, damit kein Schimmel entstehen kann”. Erst dann können sie in den Werkstätten gereinigt und – wenn nötig – wie Puzzlestücke wieder zusammengesetzt werden. Vorsorglich wird das Einsturzgebiet auch mit großen Planen abgedeckt.

Sollte es nur geringe Wasserschäden geben, dürften gerade die Dokumente des Mittelalters, so Mauer, gut zu restaurieren sein. Denn geschöpftes Papier aus Lumpen und Baumwolle ist wie Pergament weitaus haltbarer als das Papier aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, das säurehaltig ist. Das Ausmaß der Zerstörung musste gestern jedoch Spekulation bleiben. So hoffen die Archivare auch darauf, dass sich beim Einsturz Hohlräume gebildet haben könnten, in denen größere Mengen an Archivgut mehr oder weniger unbeschadet die Katastrophe überstanden haben.

 

Wer für den Schaden zahlen muss

zuletzt aktualisiert: 05.03.2009 – 30:02
VON UWE SCHMIDT-KASPAREK

Düsseldorf. Der Schaden durch den Einsturz des Historischen Stadtarchivs in Köln dürfte in die Millionen gehen. Allein die Kunstschätze sollen rund 400 Millionen Euro wert sein. Für sie gibt es eine “Allgefahren-Versicherung” bei der Provinzial Rheinland in Düsseldorf. Damit ist auf jeden Fall ein Teil des Schadens am historischen Inventar des Archivs in Höhe von 60 Millionen Euro abgesichert. Der Versicherer zahlt jede Beschädigung oder den Verlust von Kunstschätzen. Die Schuldfrage muss dafür nicht geklärt werden.

Ob alle Personen- und Sachschäden ausreichend versichert sind, ist derzeit noch unklar. “Entscheidend ist, wer für den Einsturz letztlich haften muss”, sagt Arno Schubach, Fachanwalt für Versicherungsrecht aus Koblenz. Sollte der Bau der U-Bahn für den Zusammenbruch des Gebäudes verantwortlich sein, müsste der Haftpflichtversicherer der Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB) alle Schäden zahlen. Nach Auskunft der KVB ist das Unternehmen bei Lloyds in London versichert. Die Versicherungssumme wollte ein KVB-Sprecher nicht beziffern.

“Reicht die Versicherungssumme nicht aus, muss das verantwortliche Unternehmen selbst den Rest tragen”, sagt der Experte. Möglicherweise gibt es aber mehrere Schuldige und damit auch ausreichenden Versicherungsschutz. So könnte beispielsweise auch die Stadt Köln selbst haften. Schubach: “Hier ist eine Mithaftung wegen Unterlassens vorstellbar.” So hätten die Kunstschätze möglicherweise in Sicherheit gebracht werden müssen, da schon vor dem Einsturz Risse im Keller auf eine Gefahr hingedeutet hätten. Haftpflichtversicherer der Stadt Köln ist der Kommunale Schadenausgleich westdeutscher Städte (KSA) in Bochum. Auf Anfrage bestätigte der KSA, dass die Stadt Köln unbegrenzt versichert ist.

Das könnte noch wichtig werden, denn aller Voraussicht nach muss die Provinzial den Gebäudeschaden am Stadtarchiv nicht tragen. “Für das Haus besteht eine klassische Gebäudeversicherung”, sagte ein Provinzial-Sprecher auf Anfrage. Daher seien nur Schäden durch Feuer, Leitungswasser und Sturm abgesichert, nicht jedoch der Einsturz des gesamten Gebäudes. Auf eine so genannte Elementarschadenversicherung hat die Stadt Köln nach Angaben der Provinzial verzichtet.

Quelle: Rheinische Post

Archivare über Köln schockiert

VON ROMAN ZILLES – zuletzt aktualisiert: 05.03.2009

Leverkusen (RP) Leverkusens Archivare sind erschüttert über den Einsturz des Kölner Stadtarchivs. Die Sicherheitsvorkehrungen von Bayer- und Stadtarchiv sowie der Sammlung des Museum Morsbroich fallen unterschiedlich aus.

Es war ein düsterer Tag für Archivare. “Auch als ich die ersten Bilder sah, konnte ich es nicht glauben. Ein Alptraum”, sagt die Leiterin des Leverkusener Stadtarchivs Gabriele John. “Ein schlimmer Tag für die gesamte Archiv-Familie”, findet Jan Schüttler von Bayer Business Services, die das Bayer-Archiv betreuen. Dr. Markus Heinzelmann ging der Einsturz des Historischen Kölner Stadtarchivs persönlich (“Ich kenne einige Kollegen dort und hoffe, es geht allen gut”) und beruflich (“eine absolute Katastrophe”) unter die Haut.

Fehlalarm: “eine gute Erfahrung”

Gegen einen solchen Einsturz sind auch die Archive von John, Schüttler und Heinzelmann nicht gewappnet. Heinzelmann sieht in einem Erdbeben die einzige Gefahr für die Kunstschätze, die das Museum auf vier Depots verteilt. Die Sicherungen gegen Brände, Einbrüche, Diebstahl seien auf neuestem Stand. “Ich habe am Dienstag nochmal über unsere Vorkehrungen nachgedacht”, sagt Heinzelmann. Verbesserungsmöglichkeiten seien ihm keine eingefallen. Ruhiger schlafen lässt Heinzelmann auch ein Fehlalarm im Jahr 2007: Kunstnebel war Teil einer Ausstellung und “kroch” durchs Heizungssystem in Rauchmelder in benachbarten Räumen. “Das war eine gute Erfahrung”, sagt Heinzelmann mit Blick auf die Schnelligkeit der Feuerwehr: “Wir wissen jetzt, dass die Abläufe funktionieren.”

Im Bayer-Unternehmensarchiv steht der Brandschutz im Mittelpunkt. Zerstörungen durch Wasser oder Erdbeben sind laut Schüttler zu unwahrscheinlich als dass umfassende Vorkehrungen zu treffen wären. Durch die Lage im Chempark sei das Archiv gut gegen Einbrecher geschützt. Der Anschluss ans Brandmeldesystem garantiere eine rasche Alarmierung der Werksfeuerwehr. “Die größte Gefahr für Dokumente geht aber nicht von Feuer, sondern von Wasser aus. Daher soll die Feuerwehr möglichst auf alternative Löschmethoden zurückgreifen und möglichst wenig Wasser verwenden”, sagt Schüttler.

“Eine komplette Sicherheit kann es nicht geben”, sagt John vom Stadtarchiv in Opladen. Dessen Bestände lagern in Magazinen unter dem Verwaltungsgebäude an der Miselohestraße, Meldeanlagen registrierten Feuer, Einbrecher und eindringendes Wasser. Große Teile der Bestände wurden seit den 1960ern auf Mikrofilmen gebannt, die getrennt gelagert werden. Die größte Gefahr für die historischen Schätze geht aber vom natürlichen “Verfall” aus. Denn Papier ist nicht so geduldig wie sprichwörtlich behauptet. “Der Restaurierungsbedarf ist groß”, sagt John. Wie groß, das soll eine Bestandsaufnahme klären, die bereits erfolgt ist, deren Ergebnis aber noch aussteht.

http://www.rp-online.de/public/article/leverkusen/680712/Archivare-ueber-Koeln-schockiert.html

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