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Berlin: Wir wollen unser Erbe zurück

Er soll Berlin das Stadtschloss nahebringen, im Beutekunst-Streit schlichten, 17 Museen leiten: Von Hermann Parzinger werden Wundertaten erwartet.

Im SPIEGEL-Interview spricht der künftige Chef der Stiftung Preußischer Kulturbesitz über Herausforderungen, das Abenteuer Archäologie – und Bäder in Hirschhornsud.

SPIEGEL: Professor Parzinger, Sie haben den schwarzen Gürtel eines Judo-Kämpfers. Waren Sie bei Ihren archäologischen Ausflügen in die eurasische Steppe jemals auf Ihre Kampfsport-Qualitäten angewiesen?

Parzinger: Nein, und ich bin heilfroh, dass ich mich nie in einer entsprechenden Situation befunden habe. Ich betreibe den Sport, weil ich mich fit halten will, Ausgrabungen fordern einen körperlich enorm heraus. Der Job ist nicht bequem, wir haben zum Beispiel im russischen Altai-Gebirge an der Grenze zur Mongolei gegraben, manche Kollegen haben wegen der Höhe Kreislaufprobleme. Sie übernachten bei Minusgraden in dünnen Zelten, ernähren sich von Konserven, es ist gewiss nicht so, dass Sie sich auf einen netten Feierabend mit Rotwein und frischer Pasta freuen können.

SPIEGEL: Auf den Spuren der Skythen, eines frühgeschichtlichen Volkes von Reiternomaden, sollen Sie auch schon mal in Stierblut gebadet haben …

Parzinger: Nein, das war gekochter Sud von Hirschhörnern. Die Skythen nahmen solche Bäder wie wir heute in die Sauna gehen.

SPIEGEL: Legendär ist Ihr Fund einer Eismumie. Seit Sie im Jahr 2001 in Russland ein Fürstengrab der Skythen entdeckt und einen riesigen Goldschatz gehoben haben, gelten Sie sogar als der neue Heinrich Schliemann.

Parzinger: Wissen Sie, ich mache seit über 20 Jahren Ausgrabungen, doch das war tatsächlich ein einmaliges, erhebendes Erlebnis. Wir haben nicht geahnt, was uns da erwartet, plötzlich schimmerte das Gold durch die Ritzen der hölzernen Grababdeckung, die wir freigeschaufelt hatten. Selbst die Pfeilspitzen der Skythen waren vergoldet, die Haarnadeln reich verziert. Da wurden, selbstverständlich auch in Gold, ganze Tierszenen mit allen Details dargestellt.

SPIEGEL: Sie präsentieren eine Auswahl der der 5600 Skythen-Goldobjekte in einer Wanderausstellung, die derzeit im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe zu sehen ist. Können Sie diesen einmaligen Schatz oder wenigstens einen Teil davon für die Stiftung sichern – sozusagen als Antrittsgeschenk?

Parzinger: Auf keinen Fall. Eigentümer ist die autonome Republik Tuwa, wo wir den Schatz auch gefunden haben. Wir haben diesem Volk, dem es nicht gerade gut geht, den kostbarsten Teil seiner Vergangenheit zurückgebracht – dort muss der Schatz unbedingt bleiben. Aber es fehlt noch ein gut gesicherter Museumsbau.

SPIEGEL: Man merkt Ihnen an, wie Sie für die Archäologie brennen – werden Sie genauso Feuer und Flamme sein für Ihre Aufgaben als Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz?

Parzinger: Natürlich. Das sind doch unglaublich spannende Herausforderungen. Glauben Sie mir, ich bin da schon entflammt.

SPIEGEL: Die Erwartungen an Sie sind besonders in einer Hinsicht groß: Sie als ein Mann mit besten Beziehungen zu Russland sollen endlich die vielen tausend Beutekunst-Objekte, die seit 1945 in russischen Depots liegen, nach Deutschland zurückbringen. Dazu gehört auch das trojanische Gold, das Schliemann ausgegraben hat. Seit Jahren herrscht in der Beutekunstdebatte Eiszeit. Sorgen Sie für Tauwetter?

Parzinger: Tatsächlich kenne ich Russland sehr gut, habe viele Kontakte dorthin, kann mich mit den Russen in ihrer Sprache verständigen, das ist ein Faktor, den man nicht unterschätzen darf. Aber es wäre vermessen von mir zu verkünden, ich löse da jetzt mal eben dieses Problem. Und es wurde bisher doch auch schon einiges erreicht …

SPIEGEL: … was denn? Ein paar deutsche Wissenschaftler durften sich zuletzt ein wenig in den Geheimdepots in Moskau und St. Petersburg umsehen. Aber in der Rückgabefrage ist man keinen Schritt weiter.

Parzinger: Es gibt unterschiedliche Rechtspositionen, Russland beharrt darauf, die Beutekunst zu Recht behalten zu dürfen. Die Deutschen sehen das anders und berufen sich auf die Haager Landkriegsordnung zum Schutz von Kulturgut im Kriegsfall. Doch dieser Streit muss auf höchster politischer Ebene geklärt werden. Solange da keine Einigung zu Stande kommt, müssen wir die Zeit anders nutzen.

DER SPIEGEL
SPIEGEL: Wie? Es geht immerhin um Tausende wertvoller Objekte, archäologische Funde ebenso wie Dürerzeichnungen und Rubensgemälde. Und es gibt zwei Möglichkeiten: die bleiben, wo sie sind, oder kommen zurück.

Parzinger: Sie dürfen keine schnellen Sensationen erwarten. Doch wir müssen zumindest auf der Arbeitsebene die Annäherung voranbringen, zwischen den Institutionen und den Wissenschaftlern. Das war die Strategie der vergangenen Jahre, und sie hat sich als gut erwiesen. Denn wir kommen nun endlich an Unterlagen, etwa alte Transportlisten, die für uns jahrzehntelang tabu waren, und wir dürfen nun gemeinsam erforschen: Was gelangte wohin, in welchem Zustand ist es? Es gibt für viele Stücke, etwa für die antiken Vasen, dringenden restauratorischen Bedarf.

SPIEGEL: Sie können gucken und prüfen und sonst nichts?

Parzinger: Das ist schon eine Menge. Wir müssen aber auch den Politikern klarmachen: Russland und Deutschland haben hier noch ein echtes Problem. Beide Länder haben allerdings ihre jeweilige leidvolle Geschichte – ich habe auch viel Verständnis für die russische Seite. Die Russen haben im Hitlerkrieg etwa 20 Millionen Menschen verloren.

Gibt es Hoffnung für eine Rückkehr russischer Beutekunst-Objekte?

SPIEGEL: Große Hoffnung auf eine Rückkehr der Bestände haben Sie also nicht?

Parzinger: Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Dass einige wichtige Schätze irgendwann zurückkommen, ist unser Ziel, ganz klar. Aber noch einmal: das ist auch Sache der Politik, herauszufinden, wie man sich einigt. Für die Russen ist es nicht wichtig, dass wir ein paar Milliarden Euro über den Tisch schieben, schon gar nicht in diesen Zeiten, in denen die russische Wirtschaft blüht. Ich sehe schließlich auch durch meine wissenschaftliche Arbeit, wie vieles sich in finanzieller Hinsicht dort entspannt hat, dass wissenschaftliche Einrichtungen wieder an nationale Fördergelder kommen. Das war und ist also nicht der Punkt.

SPIEGEL: Viele Beutekunst-Bestände spiegeln deutsche Geschichte, das gilt vor allem für den bronzezeitlichen Schatz von Eberswalde. Das ist der bedeutendste vorgeschichtliche Goldfund, der je in Deutschland entdeckt wurde. Wiegt dieser Verlust womöglich noch schwerer als beim Troja-Gold, das Schliemann einst in Kleinasien fand?

Parzinger: Es stimmt, Funde wie der Schatz aus Eberswalde sind unser kulturelles Erbe, und das muss nach Deutschland zurückkehren. Ich kann mir vorstellen, dass die russische Seite hier irgendwann auch ein Zeichen setzen will.

SPIEGEL: Sie selbst haben als Ausgräber viel für die russische Kultur geleistet, das Skythengold wird auch von Ihnen wissenschaftlich publiziert. Stärkt das nicht Ihre Position bei der heiklen Beutekunst-Diplomatie?

Parzinger: Das hat eigentlich nichts miteinander zu tun. Über meine Arbeit kann ich auf einer anderen Ebene die wissenschaftlichen Kontakte intensivieren. Es ist wichtig, andere gemeinsame Themen zu haben und nicht immer die Gegenseite sofort mit der Beutekunstfrage strapazieren zu müssen. Und ich muss schon sagen: In der Archäologie ist die Zusammenarbeit besonders erfolgreich. Aber vielleicht schweißen gemeinsame Ausgrabungen auch besonders leicht zusammen.

DER SPIEGEL
SPIEGEL: Nun graben Sie erst einmal die Berliner Kulturlandschaft um. Halten Sie eine Stiftung zum Lob der preußischen Kultur überhaupt für zeitgemäß?

Parzinger: Sie spielen auf den Namen der Stiftung an. Der entstand, als 1947 das Land Preußen aufgelöst wurde und die Kulturschätze dieses Landes plötzlich herrenlos waren. Wissen Sie, gegen traditionelle Titel habe ich nichts, aber mein Wunsch ist der, dass wir mehr als bisher als moderne, dynamische Kultureinrichtung gesehen werden, die national und international bestens vernetzt ist. Mir liegt daran, dass uns jeder kennt und niemand etwas Rückwärtsgewandtes mit uns verbindet.

SPIEGEL: Wie wollen Sie das erreichen?

Parzinger: Etwa über zeitgemäße Ausstellungen. Die ausgegrabenen Antiken zum Beispiel können Sie in Vitrinen legen, Sie können sie aber auch regelrecht inszenieren, indem sie den Kontext rekonstruieren, aus dem sie stammen. Ich glaube, man muss Kultur heute sogar inszenieren. Denn so bringt man Geschichte und andere Inhalte den Menschen nahe.

SPIEGEL: Das klingt nach oberflächlicher Event-Kultur.

Parzinger: Gewiss nicht, aber wir brauchen auch gute Oberflächen. Wir wollen den Besucher einfach in den Bann ziehen, und der Nachbau eines Skythengrabes veranschaulicht vielleicht mehr als ein langer Text an der Wand. Es geht darum, Kultur zu erleben, sich verführen zu lassen, mehr wissen zu wollen. Das gilt doch oft auch für die zeitgenössische Kunst. Wenn Sie es schaffen, die Leute zu faszinieren, wollen die automatisch mehr lernen. Ich kann mir auch vorstellen, die Sammlungen unserer Museen stärker miteinander ins Gespräch zu bringen; warum nicht einmal unterschiedliche Epochen, Kulturen und Kunstgattungen in Ausstellungen verknüpfen?

SPIEGEL: Eine der großen, auch teuren Aufgaben der nächsten Zeit ist die Rekonstruktion des barocken Berliner Stadtschlosses.

Parzinger: Ja, und ich hoffe, dass da die Bevölkerung eine ähnlich emotionale Bindung entwickelt, wie wir sie beim Wiederaufbau der Frauenkirche in Dresden erlebt haben. Doch das soll sich nicht nur auf das Gebäude beschränken, innen, im Humboldtforum, werden wir unsere außereuropäischen Sammlungen zeigen, sie rücken von ihrem jetzigen Standort in Dahlem in die Mitte der Stadt. Das zeigt auch unseren Respekt vor diesen Kulturen.

SPIEGEL: Aber schon jetzt wird das Schlossprojekt nicht allein von Herzenswärme begleitet. Die Rekonstruktion des 1950 gesprengten Hohenzollern-Schlosses ist, obwohl vom Bundestag längst beschlossen, gerade wieder sehr umstritten – manche Architekten sähen auf diesem Gelände lieber einen Neubau.

Parzinger: Der Palast der Republik, der lange auf dem Areal stand, war ästhetisch für viele Menschen fragwürdig. Sollen wir dort wieder etwas bauen, das uns vielleicht in zwanzig, dreißig Jahren nicht mehr gefällt?

SPIEGEL: Sie trauen den Architekten nicht viel zu.

Parzinger: Das will ich nicht sagen, und ich verstehe auch durchaus, dass viele Stararchitekten das anders sehen. Doch ich habe einen klaren Kurs, der Bundestag hat den Wiederaufbau beschlossen, und wir machen das Beste daraus. Ich bin aber einfach ohnehin der Auffassung, dass sich dieses Schloss besser in die historische Nachbarschaft zwischen Altem Museum und Zeughaus einfügt.

SPIEGEL: Drei Fassaden müssen historisch werden, eine darf neu gestaltet werden. Architekt David Chipperfield, wie Sie Mitglied der Jury für den Wiederaufbau, spricht kritisch von vorgegaukelter Historie.

Parzinger: So wird es nicht sein, der Bau bleibt als neu erkennbar. Wir haben die Ausschreibung für die Architekten ergänzt, es wird einen gewissen Gestaltungsspielraum geben. Innen haben Sie dann ohnehin eine völlig neue Aufteilung.

SPIEGEL: Werden Sie, der Schatzsucher, innerhalb der Stiftung vor allem die archäologischen Sammlungen bevorzugen?

Parzinger: Auf keinen Fall, wir wollen Berlin auch als Standort für die zeitgenössische Kunst stärken, noch enger als bisher mit Sammlern zusammenarbeiten. Da sind wir auch aus finanziellen Gründen gezwungen zu kooperieren. Und die Archäologie? Es darf nicht so weit kommen, dass ich mich dafür entschuldigen muss, Archäologe zu sein.

SPIEGEL: Was versteht ein Archäologe wie Sie unter Kultur?

Parzinger: Wenn Menschen etwas schaffen, damit es bleibt und sie erfreut. Natürlich hat das etwas mit der Sehnsucht nach Schönheit und Ästhetik zu tun.

SPIEGEL: Und Sie persönlich, gefällt Ihnen eine skythische Grabstätte oder eine Fuge von Bach besser?

Parzinger: Privat faszinieren mich Gemälde der klassischen Moderne mehr als skythische Armreife. George Grosz, Otto Dix, diese Zeit des Umbruchs ist ungeheuer spannend. In dieser Zeit hat sich alles grundlegend verändert, nichts war mehr wie zuvor.

SPIEGEL: Professor Parzinger, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Interview führten die SPIEGEL-Redakteure Ulrike Knöfel und Mathias Schreiber

URL:

* http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,536690,00.html

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