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Beutekunst bei Sotheby's: «Zarenlithografien»

Beutekunst bei Sotheby’s: «Zarenlithografien»
Schwerin/London (dpa) – In einem Depot des Londoner Auktionshauses Sotheby’s liegen seit mehr als einem Jahr wohlverwahrt zwei Mappen. Darin befinden sich 294 Blätter im A-3-Format mit antiquarischen Farblithografien, die historische Uniformen des russischen Militärs zeigen.
Auf den Rückseiten weisen Stempelaufdrucke die sorgsam mit Seidenpapier geschützten Blätter als Eigentum des Schweriner Schlossmuseums aus. «Wir wollen die Mappen wiederhaben, sie gehören in die Landesbibliothek», sagt der Direktor des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege in Schwerin, Michael Bednorz. Doch die Jagd nach den «Zarenlithographien» ist zäh.
Die Sowjetische Militäradministration hatte die Mappen 1946 mit vielen anderen sogenannten Militaria aus dem Museum beschlagnahmt, seither galten sie als Kriegsbeute und verschollen. Möglicherweise wurden sie in die damalige Sowjetunion gebracht, vielleicht blieben sie auch im Zentraldepot der Sowjets in der DDR, erläutert Bednorz. Jedenfalls gelangten sie auf bislang ungeklärten Wegen noch vor 1989 in den Westen, wechselten mehrfach den Besitzer und tauchten am 12. Juni 2008 schließlich in London auf. Dort sollten sie bei Sotheby’s in der Auktion «Russian Works of Art» für umgerechnet mindestens 250 000 Euro unter den Hammer kommen. Das bekam die Landesbibliothek in Schwerin mit.
Der russische Zar Alexander II. hatte insgesamt drei Mappen mit zusammen 493 Lithografien – das Schicksal der dritten Mappe liegt bisher völlig im Dunkeln – im Jahr 1843 dem Mecklenburg-Schweriner Herzog Friedrich Franz II. geschenkt. Dynastische Beziehungen verbanden beide Häuser, man verheiratete immer wieder Sprösslinge der einen mit solchen der anderen Familie. Für die Landesbibliothek ist der Fall klar: Die Mappen wurden unrechtmäßig aus ihrem Bestand entfernt, nun sind zwei wieder aufgetaucht, sie müssen an den rechtmäßigen Besitzer – die Landesbibliothek Mecklenburg-Vorpommern – zurückgegeben werden.
Bei Sotheby’s sieht man das etwas anders. Das angesehene Auktionshaus erklärte sich im Juni 2008 lediglich bereit, die Versteigerung zu stoppen und die Mappen so lange zu verwahren, bis die Eigentumsfrage geklärt ist. Die Landesbibliothek erstattete noch im Sommer 2008 Anzeige bei der Staatsanwaltschaft Schwerin. Diese ermittelt seither gegen drei Männer wegen Hehlerei-Verdachts.
Es gibt einen ähnlichen Fall aus dem Jahr 1992. Damals war ebenfalls bei Sotheby’s das Gemälde «Heilige Familie mit dem heiligen Johannes und der heiligen Elisabeth» von Joachim Wtewael aus dem Jahr 1603 angeboten worden. Das Bild war kurz nach dem Zweiten Weltkrieg von sowjetischen Truppen im Museum von Gotha (Thüringen) beschlagnahmt worden. Die Sache kam auf Betreiben der Bundesrepublik vor ein Londoner Gericht, das schließlich die Beschlagnahme durch die Sowjets als Diebstahl bewertete. Das Bild wurde an Deutschland zurückgegeben.
Einen Unterschied gibt es allerdings doch, das Gemälde hat einen deutlich höheren Marktwert als die Mappen mit den Lithografien. Würden die Schweriner den Rechtsweg mit vielleicht mehreren Instanzen beschreiten, könnten die Anwaltskosten den Wert der Mappen leicht übersteigen. Deshalb versucht die Landesbibliothek parallel zu den laufenden Ermittlungen eine gütliche Einigung mit dem Mann, der die Mappen bei Sotheby’s zur Versteigerung eingeliefert hat. Ihn kennen die Behörden inzwischen.

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