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''Conto-Buch für Ali Baba''. Berufungsverfahren um möglichen Kunstdiebstahl dauert länger als geplant

”Conto-Buch für Ali Baba”
Berufungsverfahren um möglichen Kunstdiebstahl dauert länger als geplant
Von Rolf Schlicher
Landau. Am 16. November 1903 legte der Maler Max Slevogt ein Haushaltsbuch an. Auf dem Deckel der braun marmorierten Kladde steht “Conto-Buch für …” – der Künstler hat handschriftlich hinzugefügt “Ali Baba”.

Im Verlag Bruno Cassirer war gerade der Band “Ali Baba und die vierzig Räuber” erschienen, es war Slevogts erster Illustrationsauftrag. In seinem Haushaltsbuch notierte Slevogt akribisch die Einnahmen sowie Ausgaben für Reisen, Kleidung und Lebenshaltung. Er notiert aber auch, was für Bücher er verkauft, verliehen, verschickt oder zurückerhalten hat. Und er hält fest, welche Bilder er an Sammler verkauft hat, welche er zu Ausstellungen gegeben hat. Das 64-seitige Heft ist so fast ein kleines Werksverzeichnis Max Slevogts, der am 20. September 1932 auf seinem Hofgut Neukastel bei Leinsweiler gestorben ist.
So viel Ordnungssinn hätte sich mancher vielleicht auch von den Nachfahren des berühmten Malers und Grafikers gewünscht. Doch auf dem Slevogthof, wie Neukastel mittlerweile genannt wird, wurde später offenbar kein Haushaltsbuch mehr geführt. Nicht für “Ali Baba”, nicht für andere. Die Münchner Rechtsanwältin Dorothea Lehner, Testamentsvollstreckerin der 1987 verstorbenen Slevogt-Tochter Nina Lehmann, sagt: “Eine Inventarisierung des Nachlasses gibt es nicht.” Niemand hat akribisch aufnotiert, was aus dem wertvollen Nachlass, der in zwei Archivräumen auf dem Slevogthof lagert, verkauft, verliehen oder vielleicht auch verschenkt wurde.

All das zwingt das Landgericht Landau zu gründlichen Nachforschungen. Seit Mitte September verhandelt die 3. Strafkammer gegen einen 39-jährigen Landauer, der vom Slevogthof Kunstwerke und persönliche Gegenstände aus dem Nachlass des Malers im Wert von 1,5 Millionen Euro gestohlen haben soll. Das Amtsgericht Landau hatte ihn deshalb, wie berichtet, zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Der Beschuldigte, ein früherer Kunstgeschichte-Student ohne Abschluss, behauptet freilich nach wie vor, er habe seine Schätze zwischen 1998 und 2004 von den Erben geschenkt bekommen. Als Lohn für Helfer- und Betreuerdienste auf dem Slevogthof. Der 39-Jährige hat deshalb gegen das Urteil der ersten Instanz Berufung eingelegt. Ebenso wie die Staatsanwaltschaft, der das Strafmaß noch zu niedrig ist.

Eigentlich wollte das Landgericht das Berufungsverfahren bereits Anfang Oktober abschließen. Drei Dutzend Zeugen wurden bereits gehört, doch es wird immer noch verhandelt – wohl noch bis kurz vor Weihnachten. Der umsichtige Vorsitzende Richter Helmuth Kuhs geht allem nach und auf den Grund. Mitunter waren auch Zeugen nicht reisefähig, für die Aussage der Anwältin Lehner (77) fuhr das Gericht nach München. Manche, die damals auf dem Slevogthof waren, sind heute im Ausland. Beispielsweise die 31-jährige Ururenkelin des Malers. Sie arbeitet als Reiseleiterin in Griechenland, lebt derzeit auf einer Insel. Es ist noch nicht darüber entschieden, ob das Gericht sie anreisen lässt.

Die Erbschaftsregelung auf dem Slevogthof ist kompliziert: Die Künstler-Tochter Nina Lehmann (1907-1987) hatte ihre Tochter Nina Emanuel (1929-2008) als Vorerbin, deren Kinder als Nacherben eingesetzt. Damit ist klar: Nina Emanuel durfte aus dem Nachlass nichts verschenken, ihr Ehemann durfte über das Erbe gar nicht verfügen. Doch ausgerechnet von Nina Emanuels Mann will der Angeklagte mit Schenkungen bedacht worden sein. Rund 200 Mal, wie er sagt. Insgesamt wurden rund 1000 Grafiken, Zeichnungen, Mappen und Gemälde, aber auch persönliche Stücke wie der Personalausweis des Künstlers, sein Jahresausweis für den Berliner Zoo oder die Ernennungsurkunde als Professor sichergestellt.

Geschenkt oder gestohlen? Die Eheleute Emanuel können vom Gericht nicht mehr befragt werden, sie sind vor einigen Jahren gestorben. Nina Emanuel und ihr Mann werden als “geizig” und “sparsam” beschrieben. Auch Testamentsvollstreckerin Dorothea Lehner kann sich nicht vorstellen, dass die Erben etwas verschenkt haben. Doch sie spürte seinerzeit auch, “dass es auf dem Hof drunter und drüber ging”. Vor allem, weil sich die Nachkommen Slevogts im Jahr 2001 über die Frage, wie es mit dem Anwesen weitergehen und was dort investiert werden soll, völlig zerstritten hatten.

Als die Münchner Rechtsanwältin erfuhr, dass der 39-jährige Landauer in diesen Krisenjahren fast täglich auf dem Slevogthof weilte, sich als enger Freund des Ehemanns der Erbin bezeichnete, war sie alarmiert. Lehner befürchtete “Gefahren für den Nachlass”, wie sie dem Gericht jetzt bei ihrer Vernehmung in München berichtete. Sie habe den Dauergast auf dem Slevogthof am Telefon damals ausdrücklich darauf hingewiesen, dass aus dem Nachlass nichts verschenkt werden dürfe und dafür das Recht der Nacherben angeführt.

Was vom Slevogthof wegkam – ob durch Diebstahl oder unrechtmäßige Schenkungen – ist immer noch beschlagnahmt und lagert in der Hinterlegungsstelle in Mainz. Im Falle einer Verurteilung wird das Strafmaß auch davon abhängen, von welchem Wert dieses Kunstschatzes das Gericht ausgeht. Nach Auffassung des Angeklagten ist die bisherige Schätzung einer Sachverständigen, die von 1,5 Millionen Euro ausgeht, viel zu hoch angesetzt.

Slevogt-Gemälde erzielten in den vergangenen Jahren bei Auktionen Preise zwischen 20.000 und 90.000 Euro, vereinzelt auch deutlich mehr. Und das Haushaltsbuch Slevogts zeigt, welcher Wert mitunter den persönlichen Dingen eines Künstlers beigemessen wird. Die Kladde “Conto-Buch für Ali Baba” wurde gerade vom Hamburger Auktionshaus “Ketterer” versteigert. Für 500 Euro war das Heft, das aus der Sammlung Kohl-Weigand (St. Ingbert) stammt, angeboten worden. Ein Bieter zahlte schließlich fast das Siebenfache: 3416 Euro.

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